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Sonette - in 12 Runden zu 14 Gedichten - 09 F. W. dem jugendlichen Geigenvirtuosen
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11.02.2024, 04:19
(Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 11.02.2024, 04:19 von ZaunköniG.)
F. W. dem jugendlichen Geigenvirtuosen
Am ersten Abend in sein Gedenkbuch
Wir, denen heut’ dein göttlich Spiel erklungen,
Wir danken dir vereint aus meinem Munde,
Wir danken dir aus tiefstem Herzensgrunde,
Du großes Kind, das männer selbst bezwungen.
Denn von des Alltags Staub emporgerungen
Hat auch der Kleinste sich zu dieser Stunde,
Du hattest selbst den Seichtling heut’ im Bunde,
Das Schwerste, was dem Künstler je gelungen.
Doch mich ergriff dein Lied wie Himmelslabe,
Wie einen Älpler, dem in fremden Landen
Vom Hochland singt ein Knab’ am Hirtenstabe.
Hab’ Dank für all, was meine Sinn’ empfanden,
Du meines Geisteshochlands Hirtenknabe,
Den höchsten Künstlerdank: Du bist verstanden!
.
Der Anspruch ihn auszudrücken, schärft auch den Eindruck.
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Mit meinen Gedichten
Dir ward die neidenswerteste der Gaben
Vom Schicksal in der Wiege schon gespendet:
Du wardst aus Himmels Räumen uns gesendet,
Mit hehren Weisen jedes Herz zu laben.
Nur Eines mangelt heute noch dem Knaben,
Doch das den wahren Künstler erst vollendet:
Im Reich des Denkens bist du noch verblendet,
Nicht kannst du deine eig’ne Welt noch haben.
Drum laß dies Buch aus reifern Freundes Händen
Dir nach und nach das Licht der seinen spenden,
Verweb’ es mit dem Zauber deiner Lieder;
Und bracht’ es näher dich dereinst dem Ziele,
Dann komm auf’s neu’ mit deinem Saitenspiele
Und gib in Tönen mein Geschenk mir wieder!
Der Anspruch ihn auszudrücken, schärft auch den Eindruck.
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Mit meiner Photographie
Als mich dein Bild zum erstenmal entzückte,
Was war es, das mich mächtig zu dir zwang?
Was war es, das bei deiner Saiten Klang
Wie Grüße geist’ger Heimat mich beglückte?
Und als zum Abschied ich die Hand dir drückte,
Was war es, das urplötzlich dich durchdrang?
Was wie du sagst, in Glückes Überschwang
Dir wie ein Funke durch die Glieder zückte?
War’s nichts als kurze, flücht’ge Traumverblendung,
Die in dem Rausche zweier Künstlerstunden
Uns allzu rasch, drum allzu leicht verbunden?
War’s nicht die Ahnung gleicher Priestersendung,
die wahlverwandte Geister hier entzündet,
Und einen Bund fürs Leben uns begründet?
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Daheim
Wenn angelockt von deines Leibes Prangen
Ich allzu zärtlich, Freund, mich dir erzeige,
Wenn ich mein Haupt zu deinem Haupte neige,
Zu streiten selig deine Sammetwangen,
Wenn ich mit Armen wonnig dich umfangen
Und selbst im Kuß die süße Not nicht schweige:
Dann auf, Geliebter! Rasch ergreif’ die Geige,
Und spiel mir auf von Liebeslust und –Bangen!
Beim ersten Vollklang deiner Himmelslieder
Verstummt mit eins die Dirne Sinnlichkeit
Und stöhnt gekettet mir zu Füßen nieder,
Indes mein Geist, entrückt der Zeitlichkeit,
Von dannen schwebt auf strahlendem Gefieder
Zu Ätherhöhen reinster Geistigkeit.
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Mein Drang zu dir
Oft frag’ ich mich: was ist zu dir mein Lieben?
Ist’s nur ob deines Spiels die Gunstbezeugung?
Antiker Freundschaft holde Doppelneigung?
Ist’s wahre Lieb’, was mich zu dir getrieben?
Sind’s Dichterphantasien, die bald zerstieben?
Ist’s bloß der Seelen himmlische Verzweigung?
sind’s Lüste, denen besser wär’ Verschweigung?
So frag’ ich oft. Was ist zu dir mein Lieben?
Ach, alles, nichts! Mein Drang zu dir ist ethisch,
Rein Herzenstrieb, und Schauens Wonn’ ästhetisch,
Und geistig, engelsrein, und heischend physisch,
Und keusch, und taubenmild, und wild ekstatisch,
Und Anbetung, und Griechenliebe attisch,
Und Künstlerrausch, und Aufschwung dionysisch!
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Über Nacht mein Gast
Des Augenblicks vergess’ ich nie im Leben,
Als, ledig halb von samtner Kleider Zwang,
Der Liebling auf die schönen Kniee sank,
Den schönern Geist zum Himmel zu erheben.
Ich stand, der Menschen seligster, daneben,
Berauscht mein Wesen wie vom Nektartrank,
Es faßte mich ein keuscher Wonnedrang,
den nachzufühlen Künstlern nur gegeben.
Zwei Menschenkinder beugten hier das Knie:
Das eine, in der Unschuld holdem Wähnen,
vor einem Gott der kind’schen Phantasie,
Das andre, Nachgebor’ner der Hellenen,
Vor dieser wunderbaren Harmonie
Des Seelenschönen und des Körperschönen.
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Pendant zu Shakespeares 29. Sonett.
Erörtr’ ich einsam, unter seufzern, Qualen,
Wie fremd mein Nam’, wie ungehört mein Singen,
Wie Seichtem, Krankem lohnt Erfolg, Gelingen,
Doch Taubheit, Kälte, Spott dem Idealen;
Und seh’ ich Vers um Vers mich hart bezahlen
Mit Leiden, Kämpfen, Kettenrütteln, Ringen,
Und Stunden, Tage, Jahre stets mich zwingen
Ins Joch der Pflicht, der falschen, kleinen, schalen;
Und fällst nur du mir ein, geliebter Knabe,
Wie du an jenem Abend dich mir zeigtest,
Als Paradiese du ins Herz mir geigtest:
Dann sinkt mit eins mein ganzes Leid zu Grabe,
Es schwelgt mein Sein in solchem Geistesrausche,
Daß ich mein Los mit keines Königs tausche!
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Boulevard des Capucines
Nie wird die Julinacht dem Sinn entschwinden,
Als dort beim Grand Cafe ich deiner harrte,
Ins Volksgewühl nach jedem Antlitz starrte,
In trunkner Sehnsucht heiligstem Empfinden.
Hier hofft’ ich, lechzt’ ich, brannt’ ich, dich zu finden;
O, wie der Wunsch mich narrte stets und narrte!
So schrie nicht Byron-Manfred nach Astarte,
Doch sein’ und mein’ Beschwörung – war den Winden.
Auf den Boulevards indessen wogten, wallten
Der Menschen Fluten, winkte mir das Leben
Verführerisch in tausend Lockgestalten.
Was galt mir ganz Paris!? Ich hätt’s zur Stunde
Für ein paar Wort’ aus deinem süßen Munde
Und deiner Geige einen Ton gegeben.
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Gare du Nord
Hier einst geschah das große letzte Scheiden,
Hier halst’ ich, küßt’ ich dich zum letztenmal,
Hier schlürft’ ich deines Auges letzten Strahl,
Durft’ noch zuletzt an deinem Bild mich weiden.
Dann kam das lange, unbarmherz’ge Meiden;
O, wie ertrug ich all die Marterqual?
Wer einmal trank des Nektars Goldpokal,
Trinkt Gift nach ihm und Galle nur und Leiden.
O schwerster Abschied! Qualvoll bitt’re Stunde!
Noch standen Arm in Arm wir fest verkettet,
Noch hing mein Mund an deinem süßen Munde.
Da, horch, ein Pfiff - ! Du wünschst mir Glück zur Reise. –
Ich aber hätt’ am liebsten mir gebettet
Dort vor den Schnellzug quer übers Geleise.
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Im Garten, wo vor ein’ger Monde Frist
Die Weisen deiner Geige mir erklangen,
Wo Göttertrieb’ mein ganzes sein durchdrangen,
Die ewig nur der Künstler ganz ermißt;
Im Garten, den mein Herz wohl nie vergißt,
Steh’ ich wie einst, doch Tränen auf den Wangen;
Nicht seh’ ich dich auf grünem Podium prangen,
Das nun verschneit und öd und traurig ist.
Jetzt fällt’s in dichten weißen Flocken nieder,
Wüst liegt der Ort, er Sehnsucht Zähen fließen,
Fern übers Weltmeer ist der Freund gezogen.
Der Garten, der erblüht im Frühling wieder!
Doch werd’ auch ihn ans herz ich wieder schließen
Und schaukeln wie ein Schiff auf seinen Wogen?
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Auf hoher See
Auf hoher See an Bord zu dieser Frist
Stehst du vielleicht und spielst die süßen Weisen,
Jetzt hör’ im Geist ich jenen wunderleisen,
Mir ewig teuren sang, dein chanson trist’.
Man sitzt beim Mahl, man lauscht, man trinkt und ißt,
Doch allenthalben hör’ ich dich nur preisen;
Jetzt sagt vielleicht (mir will’s das Blut vereisen!)
Ein Frauchen dir, wie schön und hold du bist.
Und ich sitz’ hier, und schreib’ auf dich Sonette,
und flecht’ aus Reimen mir die Liebeskette
Von echter Qual, erdichtetem Frohlocken,
Und gäb’ mein Dichten all und reines Sinnen
Und leeres Träumen und platonisch Minnen
Für einen Griff in deine süßen Locken.
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An den Ozean
Du trägst ihn, Ozean! In eure Huten
Leg’ ich dies Kleinod, wildbewegte Wellen;
O laßt an Klippen nicht mein Glück zerschellen,
O hegt ihn sanft, den Sanften, Süßen, Guten!
Und wenn, wie mich der sehnsucht Geistesruten,
Ihr peitscht die Schiffswand und die Stürme schwellen,
Laßt euch sein Spiel die finst’re Laun’ erhellen;
Wie Orpheus Tiere, bann’ er Meeresfluten!
Schirm’, schütz, o halt’ ihn, See, mit tausend Banden,
Und laß ihn nirgends, als am Busen stranden
Dereinst des Freunds in bang ersehnter Stunde,
Dem Busen, dir so gleich mit seinen Stürmen,
Drin wogengleich sich Leidenschaften türmen,
Doch der wie du viel Perlen birgt am Grunde.
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In die Ferne
Den halben Erdball hast du schon durchwallt,
Obgleich du kaum ein Jüngling noch an Jahren,
Doch Menschen-Unwert hast du voll erfahren,
Und fühllos nennst die Welt du, seicht und kalt.
Mein Teurer, die Erkenntnis, ob schon alt,
Muß stündlich jedem neu sich offenbaren,
Dem hehrer Drang zum Schönen, Großen, Wahren
Verstand und Herz durchflammt mit Allgewalt.
Drum komm zu mir! Laß unser Los uns teilen!
An deiner Seite laß beglückt mich weilen,
Du, des mein Herz in hehrster Inbrunst harret!
Den Augenblick, da ich dich fasse, halte,
Muß schmelzen um uns her die Welt, die kalte,
Und wär sie ganz in Nacht und Eis erstarret.
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Fahr wohl!
Bei meinem Heil, ich will dich nicht mehr sehn!
Vier Jahre schon sind seit der Stund’ verflossen,
Als deines Anblicks ich zuletzt genossen,
Dich geigend sah auf grünem Podium stehn.
Wie leicht konnt’ deinen Reiz die Zeit verwehn!
Vielleicht, daß du zum Mann emporgeschossen!
Daß garst’ger Bart der Lipp und Wang’ entsprossen!
Nein, nein, bei Gott! ich will dich nie mehr sehn!
Ein Heil’genbild sollst du mir sein und bleiben,
Wie, als du betend hinsankst vor dein Bette
In jener Nacht, die Verse nie beschreiben!
Ja, sollst mir sein, was Beatrice Dante,
Petrarka die vergötterte Laurette
Und Shakespeare jener „b o y“ der unbekannte.
Der Anspruch ihn auszudrücken, schärft auch den Eindruck.
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