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Charlottengarten
#1
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Charlottengarten


Sie fragt sich, was das für ein Vogel sei;
schwer zu erkennen ist im Gegenlicht,
wessen Gezeter aus den Kronen bricht.
Die Dohlen machen nicht so ein Geschrei.

An den Laternen sammeln sich die Motten.
Bald schließt der Park. Zeit für die letzte Runde.
Der Blick zur Uhr: Noch eine halbe Stunde.
Ein letzter Gruß an ihre zwei Scharlotten:

Zwei Bronzen vor verstummtem Wasserspiel.
Vom Weißdornrand ist nicht mehr viel zu sehen
Vor lauter Hopfen, Winden, wilder Wicke,

bis schließlich die Einfassung ganz zerfiel.
Die Hecke öffnet sich für freie Blicke:
Wie tote Blätter treiben draußen Krähen.


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Der Anspruch ihn auszudrücken, schärft auch den Eindruck.
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#2
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01

Wie tote Blätter treiben draußen Krähen.
Nur hier und da hört man vereinzelt Schreie.
Dann sammeln sie sich in der Pappelreihe:
Acht Bäume, die am Harting-Graben stehen.

Der speist die Becken im Charlottengarten,
wie an der Perlenkette aufgefädelt,
in Sandstein eingefasst und reich veredelt
mit Marmorputten. Viele Vogelarten

bevölkern die getrimmten Hecken. Geld
war da, als Kurfürst Karl den Garten schuf.

Helene steht am Tor wie abgestellt,
da schwirrt ein schmaler Schatten schnell vorbei.

Es ist ein neuer, doch vertrauter Ruf.
Sie fragt sich, was das für ein Vogel sei.



02

Sie fragt sich, was das für ein Vogel sei
und ruft sich Stimmen in Erinnerung
aus Parks und Gärten. Sie war noch recht jung,
der Blick aus ihrem Elternhaus noch frei,

da hatte es sie nicht interessiert,
welch ein Idyll ihr da zu Füßen lag.
Ihr Vater trällerte den Amselschlag,
hat Nachtigall und Zilpzalp imitiert.

Sie selbst kann nicht mal auf den Fingern pfeifen.
Jedoch auf ihre Augen ist Verlass.
Zumeist. - Helene schaut - und sieht ihn nicht.

Wo ist der Vogel hin? Die Blicke schweifen
durch alte Bäume. - Etwas regt sich, was
schwer zu erkennen ist im Gegenlicht.



03

Schwer zu erkennen ist im Gegenlicht,
ob Blätter rascheln oder Flügel flattern.
Die Zweige öffnen sich, - und machen dicht;
so ist kein guter Einblick zu ergattern.

Von "Charlies Tante" kommt ein leises Knattern:
dort werden die Markisen eingeholt.
Die Stühle, beige, aus imitiertem Rattan,
von Zigarettenstummeln angekohlt,

mit Ketten an die Tischbeine fixiert.
Eine Routine, die es nicht mehr braucht,
weil sich der Imbiss eh nicht mehr rentiert.

Maurice steht vor dem Büdchen, sinnt und raucht;
Ihn kümmert zum Saisonschluss grade nicht,
wessen Gezeter aus den Kronen bricht.



04

Wessen Gezeter aus den Kronen bricht,
verfolgt Helene nur noch nebenher.
Sie fragt kurz: "Und?", doch Maurice atmet schwer.
Es dauert eine Weile, bis er spricht.

Sie schauen sich um: Der ganze Park scheint leer.
Für den Moment sind auch die Vögel still.
"Es ist genug.", sagt er. Dann noch: "Ich will
auch keine Sieben-Tage-Woche mehr.

Das kann Helene sehr gut nachvollziehen,
doch klingt es auch ein wenig vorgeschoben.
Dann lenkt sie ihren Blick erneut nach oben.

Er fühlte sich in seinem Büdchen immer frei,
solang es lief. - ... und Schatten lärmend fliehen...
Die Dohlen machen nicht so ein Geschrei.



05

Die Dohlen machen nicht so ein Geschrei.
Da kommt vom Rasen eine angehupft...
"Entschuldigung, ich bin nur grad verschnupft.",
sagt er, als ob es die Erklärung sei

für seine Wortkargheit. Ein Kräutertrunk,
den er sich holt sagt wohl: "Ich hab's versucht."
"Die ganze Nachsaison war wie verflucht..."
Zwei Dohlen spähn auf einen Apfelstrunk

und trauen sich nicht. Sie wissen nicht, wer darf, -
und grade, als sie an die Chance glauben,
ist es zu spät; da landen schon die Tauben.

Es dämmert. Wer ihn in die Wiese warf,
scheint's wollte wohl die beiden nur verspotten.
An den Laternen sammeln sich die Motten.



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Der Anspruch ihn auszudrücken, schärft auch den Eindruck.
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#3
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06

An den Laternen sammeln sich die Motten
und auch die Mücken werden immer frecher.
In dichten Wolken tummeln sich die Stecher
und finden jeden Schlitz in den Klamotten.

Ein junger Igel steckt im Joghurtbecher,
schlägt immer wieder an die Bordsteinkante.
Wie er sich darin immer mehr verrannte,
zieht Nacht schon über Baumwipfel und Dächer.

Natürlich hat Helene ihn gerettet.
Sie schaut, ob sie noch eine Schnecke findet
und freut sich wie ein Kind, dass sie ihm mündet.

Der Asphalt glänzt im Licht wie eingefettet;
Sie sieht noch zu, wie er im Gras verschwindet.
Bald schließt der Park. Zeit für die letzte Runde.


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Der Anspruch ihn auszudrücken, schärft auch den Eindruck.
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