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Residenzplatz
#1
Residenzplatz


Im Takt der Ampeln bleibt das Lichtmeer stehen;
Der Lindwurm frisst sich durch die Innenstadt.
Gesegnet, wer heut Nacht kein Auto hat:
Er kann ins offne Herz der Altstadt sehen.

Hier mischt sich Altehrwürdiges und Tand.
Nicht immer kann man es gut unterscheiden.
Nur wer sich auskennt, mag die Plätze leiden.
Beisammen dämmern sie am Brunnenrand; -

Am Busstop einzusammeln Flasch' um Flasche,
kommt ab und an ein alter Herr vorbei -
Es riecht nach Haschisch, Bier und kalter Asche.
Ein Teenie-Flaum ziert dort das Konterfei;
Hohlwangig, viel zu lässig und malade.
Vorm Amt lasziv die bronzene Najade.



.
Der Anspruch ihn auszudrücken, schärft auch den Eindruck.
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#2
hallo ZaunköniG

sehr dichte, plastisch anschauliche Großstadtstudie, die lebendigst alle Sinne anspricht. wähnte mich kurz in Berlin, Paris, Budapest, Prag und Wien gleichzeitig.

Gruß
Alcedo
Come build in the empty house of the stare
- Yeats -
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#3
Hallo Alcedo,

Schön, dass der Text funktioniert.

Tatsächlich ist es ein fiktiver Text, bzw. eine fiktive Stadt.
Ich hatte zwar eher mittlere Großstädte wie Hannover, Dortmund oder Frankfurt im Sinn, aber darauf kommt es eigentlich nicht an.


Gruß
ZaunköniG
Der Anspruch ihn auszudrücken, schärft auch den Eindruck.
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#4
wahrscheinlich kam ich wegen Lindwurm & Nacht auf die Metropolen, wo es auch noch in tiefster Nacht lebendigsten Verkehr gibt.

Gruß
Alcedo
Come build in the empty house of the stare
- Yeats -
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#5
Residenzplatz

01


Vorm Amt lasziv die bronzene Najade,
im Park, wo einst das Residenzschloss stand,
schaut heut verträumt auf eine Werbewand.
Das Meer auf dem Plakat ist grün wie Jade,
Die Brandung rauscht das Automeer dazu.
Dem Brunnen ist das Wasser abgelassen
und kaum Ersatz sind ihr die Automassen.
Mit den Passanten ist sie schon per Du,

auch wenn sich mancher etwas grob benimmt.
Es bringt ja doch nichts, sich daran zu stören, -
und um den kleinem Park herum verschwimmt
das grelle Flackern bunter Neonröhren
zum Feuerwerk. Man kann es pulsen sehen:
Im Takt der Ampeln bleibt das Lichtmeer stehen.



02


Im Takt der Ampeln bleibt das Lichtmeer stehen
und angeleint ein leises Hundsgewinsel
sitzt wie gestrandet auf der grünen Insel,
muss traurig auf das andre Ufer sehen.

Ein Schattenspiel entsteht am City-Kauf:
Man kann im Abbild schütterer Platanen
zerzaustes Fell, ein Wolfsgesicht erahnen: -
Mit jeder Bö reißt es die Augen auf

und lauert gierig auf den Ramsch vorm Laden.
Ein Kläffer holt den Stadtkurier vom Rad,
doch unerreichbar bleiben seine Waden
und fluchend fädelt er sich wieder ein.
Er wird verschluckt vom bunten Lichterschein:
Der Lindwurm frisst sich durch die Innenstadt.



03


Der Lindwurm frisst sich durch die Innenstadt,
schnaubt Feinstaub, Ruß und Schwefeldioxid.
Ein ölig-grauer Schleier überzieht
die ausgeblichenen Markisen, hat
den Sandstein schwarzgefärbt. An allen Ecken
zerbröselt alter Bürgerstolz, doch muss
es weitergehen und nach Ladenschluß
putzt noch ein Trödler seine Wachstischdecken.

Die meisten Händler haben 's aufgegeben;
Man kann ja Wäsche nicht nach draußen hängen.
Der Lindwurm wälzt sich angeschlagen, matt
und atmet flach. Es heißt, hier tobt das Leben.
Man sollte kranke Tiere nicht bedrängen;
gesegnet, wer heut Nacht kein Auto hat.



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#6
Hallo Zaunkönig,

was bisher da steht ist große Klasse. Ich weiß echt nicht, welches mir nun besser gefällt, aber wenn ich genötigt werde dann isses 01. Aber die anderen sind alle auch großes Kino. Bin echt gespannt, wann der nächste Musenkuss dich trifft und fortsetzen lässt.

Gruß

Sneaky
Never sigh for a better world it`s already composed, played and told
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#7
Danke Sneaky,

Die Muse ist launisch, aber das kennst du ja.

Der Residenzplatz gehört allerdings zu einem größeren Projekt, das unter anderem auch den HBF, das KKH, das I2I und den Stadtfriedhof umfasst.
Insgesammt sollen es 14 + 1 Sonettenkranz werden, die miteinander verwoben sind. Ob ich damit jemals fertig werde? Zweifel sind angebracht, aber da man auch mit den "Etappenzielen" schon etwas anfangen kann, dachte ich mir, lege ich einfach mal los....
Der Anspruch ihn auszudrücken, schärft auch den Eindruck.
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#8
.


04

Gesegnet, wer heut Nacht kein Auto hat:
Die Seitengassen werden neu gepflastert.
Der ewig junge Fortschritt ist ein Bastard
aus kühnen Träumen für die Zukunftsstadt
und der zurechtgestutzten Gegenwart
als wandelbares Provisorium.
Der nächste Plan pflügt neu das Pflaster um;
Geschichte liegt am Rand, wie aufgebahrt.

Ein Bauschild präsentiert in vollem Glanz
die neue Marktpassage; - Heute stehen
dort Dixi-Klos, Gerüste und Geländer
am Loch, an dem sich nur das Wetter ändert.

Der Rotdorn wurde noch nicht eingepflanzt:
Er kann ins offne Herz der Altstadt sehen.

.


05

Er kann ins offne Herz der Altstadt sehen
und er begutachtet in neuem Licht
den Bauschutt alter Tage, Schicht um Schicht.
Er sieht die Frühzei vor sich auferstehen:

Ein Streifen Schwennsand. - Neue Gehwegplatten,
Ein Stapel Bauholz, Kabeltrommeln, Latten,
auch die Palette Eisengittermatten
wirft ungeduldig ihre harten Schatten

tief in die Grube: Feindselige Stacheln.
Doch unterm Schwemmsand wird's interessant:
Geschirr und Mosaike, Ofenkacheln,
Ein Holztablett mit falschem goldnen Schimmer...
So kennt man sie, so war die Stadt schon immer:
Hier mischt sich Altehrwürdiges und Tand.



.

.


06


Hier mischt sich Altehrwürdiges und Tand.
Ein Reiterstandbild unter Wetterschutz;
An seinem Sockel sammelt sich der Schmutz
von nahem Chinamann und Bratwurststand.

Ein Treff der Generation To-Go,
das Postament in sitzgerechter Höhe
und durch das Buchenblattwerk spielt so manche Böe,
verneinend in den Stamm geritzt ein "No

Ausrufezeichen" - oder "Not" vielleicht?
Mag auch sein, dass das Wort noch länger war.
Parole oder Liebesschwur? Von beiden
ist dicht die Rinde übersäet. Sogar
die Wurzel hat das Ornament erreicht.
nicht immer kann man es gut unterscheiden.


.

.

07

Nicht immer kann man es gut unterscheiden,
was Meinung ist und was Provokation.
Die Wut vergreift sich gerne mal im Ton
und scheint am meisten selbst daran zu leiden.

Graffiti am Gedenkstein der Vertriebenen,
wie auch am Tor der Städtepartnerschaft.
Den skulpturalen Gesten fehlt die Kraft,
zu werben auch um die Zurückgebliebenen

des neoliberalen Wettbewerbs.
Sie wollen niemandem den Wohlstand neiden,
nur fühlt sich falsch an dieser satte Friede.

An manchen Ecken scheint es immer Herbst:
So bunt, doch immer irgendwie morbide.
Nur wer sich auskennt, mag die Plätze leiden.


.

.


Residenzplatz

08


Nur wer sich auskennt, mag die Plätze leiden,
wer die Geschichten kennt. Nur dieser darf
genauer schaun. Er ist kein Fotograf,
doch hat den Blick. Er knipst - und hat die beiden

Figuren schon im Kasten: Den Gargoyle
des alten Friedhofstors und seinen Abguss
am U-Bahn-Schacht. er macht noch einen Schnappschuss
aus anderm Winkel, als ein Menschenknäuel

hinaufquillt, sich am Bürgersteig entwirrt.
Der Abguss, will es scheinen, weint nun bald
aus schwarzen Augenrändern. Amüsiert
krault er den Kopf: "Nun sind wir beide alt."

Ein Klick: Drei Bengel, müde, überspannt.
Beisammen dämmern sie am Brunnenrand.


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#9
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09

Beisammen dämmern sie am Brunnenrand
und lassen eine Büchse kreisen, wo
im Wind das Laub kreist und ein wenig Stroh.
Die Leute gehn vorbei. Nur ein Passant
hält an. Der Brunnen ist ihm wohl bekannt:
Die Nixen und Najaden...
                                          "Glotz nicht so!"
und als er geht: "Ich glaub ich bin im Zoo!"
Der Schmächtigste verteidigt aus dem Stand
ihr Hierseindürfen. - Diese feinen Herren;
die glauben wohl, dass sie was bessres sind.
Am liebsten wärs ihm wohl uns wegzusperren. -

Der Herr indessen fingert in der Tasche
nach einem Plastik-Beutel und beginnt
am Busstop einzusammeln Flasch' um Flasche.



10

Am Busstop einzusammeln Flasch' um Flasche
und weiter an der Kneipenzeile längs,
das läuft so nebenbei. Nur ein paar Schwenks,
wie eine lange einstudierte Masche.

Eins rechts, eins links und eine fallen lassen
und zwischendurch entdeckt er ein Motiv:
Ein Großplakat: Die Einzelteile schief
verklebt, beschäftigt ihn. Das scheint zu passen:

Der Müll am Rand, des Models Silberblick,
zerknittert glänzt der angepreiste Chic,
der Lipgloss-Mund verzerrt zu einem Schrei...

Nick schleicht dort rum und schaut: Bald gibt es Regen.
Er ist allein und weiß: Nicht seinetwegen
kommt ab und an ein alter Herr vorbei.


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#10
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11

Kommt ab und an ein alter Herr vorbei,
wird kaum jemand ihm groß Beachtung schenken.
Er kontrolliert das Leergut an den Bänken,
ganz ohne Eile. Ist die Bank noch frei,

kann es passieren, dass er sich kurz setzt,
den Menschen zuschaut und dem Wolkentreiben.
Ein Sonnenstrahl! - Man kann auch länger bleiben.
Er schaut und wartet ab. Nur kurz, denn  jetzt

hat ihn das Spatzenvolk im Busch erspäht.
Die schaun auf ihn, zunächst nur aus der Ferne.
Er holt ein Päckchen aus der Jackentasche
und streut dort Sonnenblumenkerne.

Von Scherben ist das Pflaster übersät;
Es riecht nach Haschisch, Bier und kalter Asche.


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#11
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12

Es riecht nach Haschisch, Bier und kalter Asche.
Ein Grüppchen Jungvolk hockt dort auf der Lehne.
Man hat Visionen, aber keine Pläne.
Die Werbetafeln werden abgewaschen.

Dann kommt der wolkengraue Overall
um flüchtig unter ihrer  Bank zu fegen.
Die Karre für den Müll steht beim Kollegen;
der ist schon weiter, bei der City-Mall,

denn diese Bank versucht er zu vermeiden.
Die einen haben Geld, die andern frei...
Der Job ist ihm vor seinen Kumpels peinlich.
Er weiß ja, dass das blöd ist, - und wahrscheinlich
wird man ihm sogar diesen Job noch neiden.
Ein Teenie-Flaum ziert dort das Konterfei.



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