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Port Royal 1692
#1
I
Black Jolly lacht, als ihn die Flammen hissen,
breitseitengleich verhallen Explosionen,
das Hafenfort fliegt in die Luft gerissen,
wie durch Beschuss aus hunderten Kanonen.
Der Qualm drückt dick und stinkend auf Ruinen
die seewärts fallen fast wie Legionen
von Lemmingen. Das Meer frisst die Lawinen
von Trümmern, Leibern, Holz, Mangrovenzweigen
und wird nicht satt davon, doch in den Mienen
der Überlebenden wächst neu Entsetzen
als nach dem Erdstoß Wellen turmhoch steigen,
um Riesen gleich den Fuß an Land zu setzen.
Der Himmel scheint die Erde heut zu hassen,
die See wogt schwer, der Hafen liegt verlassen.

II
Die See wogt schwer, der Hafen liegt verlassen
die Schiffe sind vor Tag in See gestochen,
der Inkaschatz lockt rot in Spaniens Kassen.
Wie Haie, die im Wasser Blut gerochen,
sind sie im Kielwasser von Galeonen,
die Panama verließen schon vor Wochen.
Randvoll mit Silber, glitzernden Dublonen
heißts Kurs auf Port Royal, zum Wunden lecken,
und sich mit prallem Feiern zu belohnen.
Am Bug tönts "Acht voraus", im Hafenbecken
beim Tiefgang loten und beim Segel brassen,
bis Masten sich wie Knochenfinger recken.
Dann ruhen, träg wie Tiere vom Begatten,
an Ankertrossen dümpelnde Fregatten.

III
An Ankertrossen dümpelnde Fregatten
erzählen sich das Wiegenlied vom Sterben
vom Plankengang und leeren Hängematten.
Ein Leck im Rumpf und Planken voller Kerben
sind jetzt nicht wichtig, die Piraten brennen
auf eine heiße Nacht voll Hurenwerben.
Wenngleich die Weiber keine Namen kennen
versprechen sie ein tröstliches Vergessen
und werden jeden Kunden Liebster nennen.
Wer das nicht will, ergibt sich Trunk und Fressen
dem Spiel, dem Tanz, dem rührseligen Flennen,
um Tod und Angst aus sich herauszupressen.
Die Bukaniere, die zuviel schon hatten,
verströmen Bilgewasser aus Speigatten.

IV
Verströmen Bilgewasser aus Speigatten,
erwacht ein Alptraum in den Hafenbecken,
der Flossenschlag der vielen nimmersatten
Hyänen, die die scharfe Jauche schmecken,
aus Blut und Angstschweiß, Salz und Teer und Fetzen
von Wundbrand, Eiter, kläglichem Verrecken.
Das Wild, das diese Rudel einmal hetzen,
wird keinen Aufprall auf den Boden fühlen
im Tod, da sie selbst kleinste Brocken schätzen.
Das Wasser schäumt vom fieberhaften Wühlen
nach Beute, nach den allerbesten Plätzen,
nichts wird die Ebbe in die Tiefsee spülen.
Erwacht die Gier, dann ähneln sich die Rassen,
die Nacht erschrickt, der Mond ist am Verblassen.

V
Die Nacht erschrickt, der Mond ist am Verblassen,
sein letztes Licht macht alle Tiere zittern,
und Unterschlupf in Höhlen suchen lassen.
„Heut drückt mich was wie Ahnung von Gewittern“
„Lasst`s gut sein Käpt`n , lasst uns feiern gehen,
von Ahnungen die Laune nicht verbittern“
Selbst wenn nun wochenlang die Stürme wehen,
so machts nichts aus, wir haben reichlich Beute.
Jaja, schon recht, du kannst das nicht verstehen
Mir ist,ich weiß es nicht, so seltsam heute
ums Herz, doch lass, wir uns noch sehen,
jetzt geh, ich stoße schon noch zu der Meute.
Nur will ich unverbrauchte Luft erst fassen,
die Kneipen stinken nach Gewürz und Prassen.“

VI
Die Kneipen stinken nach Gewürz und Prassen
so süßlich wie die rotgefleckten Planken.
Ich kann nicht mehr, ersticke in den Massen
von Vieh um mich herum, in all dem kranken
Gewimmel, das sie dümmlich Leben heißen
und einem irren, schwarzen Gott verdanken.
Gibt’s denn nicht mehr als Wolfsgeheul und Reißen,
als Rudelführer stets voraus zu laufen,
zu fressen, saufen, vögeln, pissen, scheißen?
Ein Schritt nur war`s vom Regen in die Traufen,
nun heißt es Platz behaupten, um sich beißen,
den kleinsten Widerstand mit Blut zu taufen.
Das Pack da wird kein Denken je ermatten,
zum Klang der Flöten quieken alle Ratten.

VII
Zum Klang der Flöten quieken alle Ratten
so lang wie möglich ihre Lieblingslieder,
den Rest Verstand geh`n sie im Suff bestatten.
Ob einer denkt wie ich - so hin und wieder -
wie es denn wäre, gäbe es Vergeben,
von neuem zu beginnen, brav und bieder?
Wohl nicht, sie kennen ja nur ein Bestreben,
Befehle zu erhalten, Brot und Spiele,
die Führer suchen, die es ihnen geben.
Sie sind mir treu, solange meine Ziele
genügend Gold einbringen, fettes Leben
ansonsten heißt es: einer gegen viele.
Sie sollen nur Erlösung sich gestatten,
im Bacchanal. Dann fallen kalte Schatten.

VIII
Im Bacchanal dann fallen kalten Schatten,
die wirft der Tiger, den ich lang schon reite,
er wartet, dass die Hände mir ermatten.
Heiß dringt ein Messerstich in meine Seite,
warm quillt mein Blut, ich falle tief und stehe
am Styx, wo ich ins Boot des Fährmanns gleite.
Noch eh` ich in die Nebellande gehe,
legt der Verräter mir zwei Silberlinge
auf meine Augen, dass ich nichts mehr sehe.
Was ich noch über meine Lippen bringe,
„warum?“ verröchelt dumpf und ich verstehe,
Vae Victis lautet das Gesetz der Klinge.
Das Licht wird schwach, die letzten Lampen fassen,
durch Fenster in das Dunkel krummer Gassen.

IX
Durch Fenster in das Dunkel krummer Gassen
dringt tosend der Applaus der wilden Horden,
die sich den neuen Herrn gefallen lassen.
Er prahlt, von allen seinen vielen Morden
sei ihm nicht einer jemals so gelungen;
nun sei der Beste Kapitän geworden.
Sein Hohn ist bis ins Totenreich erklungen,
er zerrte mich zurück aus dem Vergessen
und brannte heißer noch als Flammenzungen.
Im Zweikampf konnt er sich mit mir nie messen,
nicht mal der Meuchelmord ist recht gelungen,
und statt dem Trinkspruch nach dem guten Essen,
grölt er, dass nicht mal ich den Rückweg fände.
Urplötzlich wird es still, eiskalte Hände........

X
Urplötzlich wird es still, eiskalte Hände
umfassen streichelnd seine Doppelkinne,
er lallt, nur seine Augen sprechen Bände.
Mein Lachen dröhnt, dann schwinden seine Sinne,
ich sauge ihm das Mark aus allen Knochen,
nun kämpft er gegen mich, doch ich gewinne.
Dann ist sein letzter Widerstand gebrochen,
er stirbt, für ihn wird’s keine Münzen geben,
ich habe ihm die Augen ausgestochen.
Nun muss er zwischen beiden Welten leben,
sein Name als Verwünschung ausgesprochen,
bis sich die Meere in die Himmel heben.
Ich lasse Wut und Hass die Zügel schießen,
sie streifen Rücken, schweißnass vom Genießen.

XI
Sie streifen, - Rücken schweißnass vom Genießen -
in Todesangst die Wände dieser Schenke,
in die ich Zorn und grelles Lachen gieße.
Den kalten Leichnam des Verräters henke
ich in den höchsten Turm auf diesen Inseln
dass jeder weiß, wie ich mir Rache denke.
Dort kann er dann mit den Dämonen brüllen,
die ich beschwöre aus den tiefsten Tiefen,
um meine Todeswünsche zu erfüllen.
Mein Hass erweckt Titanen die schon schliefen,
am achten Schöpfungstag nach einem Willen,
dass Menschen nur zu einem Gott noch riefen.
Dann brechen auch die letzten Widerstände,
zerklüften Böden und zerspalten Wände.

XII
Zerklüften Böden und zerspalten Wände
im harten Würgegriff der Anderswelten,
ist`s mit dem halben Tod von mir zu Ende,
doch vorher koste ich wie süß Vergelten
mir schmeckt, selbst noch in kalten Zwischenreichen,
dem Nebelland der Pikten und der Kelten.
Ja, flieht, für Ratten gibt es kein Entweichen,
das Lied ist angestimmt, es wird euch fangen,
ich ende erst auf einem Berg aus Leichen.
Kommt Flammen, tanzt mit mir den Tanz der Schlangen,
wo bleibst du Meer, du kauerst hinter Deichen?
hol alles, was vor Anker hier gegangen.
Die Stadt versinkt schon, halb entzweigerissen,
das Maul der Erde schnappt sich seinen Bissen.

XIII
Das Maul der Erde schnappt sich seinen Bissen
gleichgültig wie die Menschen Halme knicken,
und kennt wie sie nicht eine Spur Gewissen.
Es geht so schnell, in ein paar Augenblicken
wird’s nur noch Trümmer geben, Rauch und Asche
gleich Nero kann ich nun zufrieden nicken.
Nur einen letzten Schluck noch aus der Flasche,
da vor mir würde alles golden machen,
doch es ist sinnlos, dass ich nach ihr hasche.
Der Satan nähert sich ich hör ihn lachen
mit meiner Unterschrift in seiner Tasche.
Wenn das ein Traum ist, gibt es kein Erwachen.
Das Meer spuckt alle Schiffe auf die Strände,
was übrigbleibt, verschlingen Flut und Brände.

XIV
Was übrigbleibt verschlingen Flut und Brände,
bis sich kein Stein mehr auf dem andern findet,
dann senkt sich Staub und Asche ins Gelände.
Der Faden, der mich an das hier noch bindet,
wird dünner, immer dünner und ich sinke
dorthin wo sich die alte Schlange windet.
Da hängt das Höllenhorn am Tor, ich trinke
aus ihm und schmecke alle Niederlagen,
erlebe neu, wie ich durchs Leben hinke.
Mit Fug und Recht wird jeder Mensch wohl sagen,
daß ich im Tod so wie im Leben stinke,
warum? wieso? nun, das sind gute Fragen.
Mich und die Flagge wird man nicht vermissen,
Black Jolly lacht, als ihn die Flammen hissen.

XV
Die See wogt schwer, der Hafen liegt verlassen,
an Ankertrossen dümpelnde Fregatten,
verströmen Bilgewasser aus Speigatten,
die Nacht erschrickt, der Mond ist am Verblassen.
Die Straßen stinken nach Gewürz und Prassen,
zum Klang der Flöten quieken alle Ratten
im Bacchanal, - dann kriechen langen Schatten,
durch Fenster in das Dunkel krummer Gassen.
Urplötzlich wird es still, eiskalte Hände,
- sie streifen Rücken, schweißnaß vom Genießen -
zerklüften Böden und zerspalten Wände
das Maul der Erde schnappt sich seinen Bissen,
was übrigbleibt verschlingen Flut und Brände,
Black Jolly lacht, als ihn die Flammen hissen.
Never sigh for a better world it`s already composed, played and told
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#2
Hallo Sneaky,

dies ist mein liebster Sonettenkranz.

Reich an schönen Worten, mit leichter Hand geschrieben. Von der 1. bis zur letzten Zeile bleibt es spannend. Ich kann "Port Royal" immer wieder lesen und mich immer von Neuem daran erfreuen.

Interessant finde ich, dass das Meistersonett aus den letzten Zeilen der 14 Sonette gebildet wurde statt aus den ersten.

Lieben Gruß
Halbe Frau
Seht ihr den Mond dort stehen?
Er ist nur halb zu sehen,
Und ist doch rund und schön!
So sind wohl manche Sachen,
Die wir getrost belachen,
Weil unsre Augen sie nicht sehn.
(Matthias Claudius)
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