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Der alte Korporal
#1
Der alte Korporal

1) In der Schmiede

Das Licht der Flammen fällt auf rußge Wände,
Sein schwerer Schatten tanzt durchs Feuerlicht,
ihm fehlt ein Bein, zu Schmieden hinderts nicht,
er hat sein Können und die Kraft der Hände.

Gar mühsam fügt sich Schicht auf Schicht zusammen,
verschweißt im Feuer, Funkenregen sprühen,
die Arme ruhen nicht, wenn Eisen glühen,
und jeder Tropfen Schweiß glänzt in den Flammen.

Die Luft trägt den Geruch von Rauch und Leder
und Dampf wallt auf, dass man ihn fast nicht sieht,
den Feuerhauch der Esse spürt ein jeder,

schier unermüdlich zwingt er jedes Glied,
fast wirkt der Hammer leicht wie eine Feder
mit schnellen Schlägen formt den Stahl der Schmied.


2) Das letzte Schwert

Mit schnellen Schlägen formt den Stahl der Schmied,
damasz’ne Klinge wird durch Kraft und Feuer,
ihn jagt die Zeit wie hundert Ungeheuer,
die Erde bebt, der Amboss singt sein Lied.

Kein Zierrat, keine Schnörkel, kein Polieren,
gut ausgewogen, tödlich soll die Klinge sein,
zu schnell für einen Schmied mit einem Bein,
hart, nicht zu spröde harte Schläge zu parieren.

In Öl gehärtet schleift er dass es Funken bringe
es wär zu spät, wenn ihm ein Fehler widerfährt.
Fast zärtlich prüfen Schwielenhände diese Klinge.

Trotz Eile sorgsam ging kein Schlag verkehrt
jetzt weicht die Angst, ob ihm sein Werk gelinge,
als Waffe hat die Stadt nur dieses Schwert.


3) Der alte Korporal

Als Waffe hat die Stadt nur dieses Schwert,
auch lebt in ihren Mauern nur ein Mann,
der kundig diese Klinge führen kann,
obwohl das Alter an den Kräften zehrt.

Er kämpfte schon in vielen Waffengängen
und focht so oft mit wilden Söldnerhorden.
Die Freunde sind im Kampf erschlagen worden-
ihm glückte es, den Tod stets abzuhängen.

Des Schmiedes Stimme dringt laut durch den Saal,
ruft ihn, der grad die Knaben kämpfen lehrt,
mit ernster Miene kommt er durchs Portal.

In alte schmale Hände legt der Schmied das Schwert.
Im rostigen Harnisch nimmts der alte Korporal.
Es ändert nichts, uns allen ist der Tod beschert.


4) Der Feind steht vor der Stadt

Es ändert nichts, uns allen ist der Tod beschert.
denn von den Türmen sieht man mehr als tausend Mann,
sie drängen heftig gegen Eisentore an
und nur durch starke Mauern wird noch Schutz gewährt.

Ein wildes Heer aus Söldnern, Deserteuren,
die plündernd, raubend, durch die Lande ziehen,
kaum einer konnte ihnen heil entfliehen.
Verhandeln? Niemand gibts auf den sie hören!

Verfluchter Feind, der noch nie Gnade gab,
er quält und tötet, was in seine Hand geriet,
nur Schändung trennt noch kurze Zeit vom Grab.

Doch wie man stirbt, das macht den Unterschied.
Sie ziehen niemals ohne Beute ab.
Wie gerne man doch diesen Kampf vermied!


5) Verteidigung

Wie gerne man doch diesen Kampf vermied!
Zur Flucht gibt’s jetzt im Spätherbst keine Möglichkeit,
die Pässe im Gebirge sind längst zugeschneit,
wir harren und ertragen was geschieht.

Wir gießen Teer hinab, doch es gibt kein Entrinnen
man wirft jetzt Steine und das Brennholz wird schon knapp,
der Feind schießt unaufhörlich seine Pfeile ab,
nur Frauen, Kinder, Greise kämpfen an den Zinnen.

Die Krieger fielen draußen vor den Toren,
sie unterlagen dort der Feinde Übermacht,
durch falschen Stolz wurd dieser Kampf verloren.

Der Ehrgeiz hat die Männer umgebracht.
Die dunklen Mächte haben sich verschworen,
es wird kein Sieger sein nach dieser Schlacht.


6) Unser Heer

„Es wird kein Sieger sein, nach dieser Schlacht!
Kämpft in den Mauern!“ warnte er im Rathaussaal.
„Bleib bei den Frauen“ rief man „alter Korporal!“
Die Kämpfer hatten über ihn gelacht.

Ach, bitter wars von Ferne anzuschauen!
Von Reden und von Trommeln angefeuert,
hat man den Kampfplatz draußen angesteuert,
erfüllt mit Hoffnung winkten ihre Frauen.

Doch aus den tiefen Senken ringsumher,
zu spät sah man wie viele dort noch lauern,
sie kamen vor und wurden immer mehr,

nun ahnten wir, es wird nicht lange dauern,
durch falsche Tapferkeit starb unser Heer
wo Mut nicht hilft braucht man den Schutz der Mauern.


7. Kein Ausweg

Wo Mut nicht hilft braucht man den Schutz der Mauern,
der Feind kann nicht zurück durchs wüste Land,
hat er doch das Getreide selbst verbrannt
man hungert in dem Land mit toten Bauern.

Der Tod kommt näher, jeder von uns weiß,
wir feilschen um den Preis für unser Leben
und da kein Gott ein Wunder hergegeben,
kommt jetzt die Zeit zu fordern diesen Preis.

In Eile gilt es vieles zu verrichten
doch lässt uns oft der Kampfeslärm erschauern,
es wird manch Mut erfasst von Gräuelgeschichten.

Die Schaffenskraft lähmt Angst, Wut und Bedauern,
die Zeit verrinnt, es sind so viele Pflichten.
Wenn uns’re Tore brechen hilft kein Trauern.


8) Angst

Wenn uns’re Tore brechen hilft kein Trauern.
Wer sich nicht wehrt hilft seinem Feind zu Siegen.
Wir zittern wenn am Tor sich Balken biegen,
doch niemand wird sich wehrlos niederkauern.

Es schien doch jeden Angriff abzuweisen
und Spott und Steine fiel auf Feinde nieder,
dumpf hallten Rammbockschläge immer wieder
vom Flügeltor aus starkem Holz und Eisen.

Seit Steine an den Angeln Risse zeigen,
fürchten wir, das böse Werk ist bald vollbracht.
Das stete Krachen lässt die Spötter schweigen.

Jetzt ist keiner auf den Mauern der noch lacht.
So dumpf klingt die Musik zum letzten Reigen!
Ganz allein geht man den Weg zur letzten Nacht.


9) Das Tor zerbricht

Ganz allein geht man den Weg zur letzten Nacht
und ganz allein will er dem Feind entgegen gehen.
Wer in die Stadt will muss erst gegen ihn bestehen-
ein Korporal, der seine Heimatstadt bewacht.

Es grölt der Feind, weil sie den Sieg schon wittern.
Wir folgen und vertrauen einem alten Mann,
der unser Sterben auch nicht mehr verhindern kann,
so stark lässt jeder Stoß das Tor erzittern,

Den alten Harnisch trägt er über dem Gewand,
am Tor die Balken splittern und es ächzt der Stahl.
Vor seinen Schülern steht er, sein Schwert in der Hand.

Als jetzt das Tor zerbricht gibt er schnell ein Signal
und siedend’ Wasser füllt den Graben bis zum Rand.
Kämpfend fallen oder Sterben bleibt zur Wahl.


10. Der Durchbruch

Kämpfend fallen oder sterben bleibt zur Wahl.
Das Tor zerbrochen und sie dringen jubelnd ein-
wer jetzt voran geht wird beim Sterben vorne sein,
von hinten schieben sie die andern ohne Zahl.

Sie sehn die Dämpfe bleiben stehen, brüllen-
der Mob im Siegestaumel drängt sie weiter vor.
und grässlich gellen ihre Schreie noch im Ohr,
als ihre Leiber schon den Graben füllen.

Der Korporal steht um sie aufzuhalten-
voll Furcht späh’n sie nach Fallen im Gelände
schnell sterben die verängstigten Gestalten.

Als ob es tanzt führt er das Schwert behände,
als führn die Hände höhere Gewalten.
Die Zeit für Hoffnung ist schon lang zu Ende.


11) Der letzte Kampf

Die Zeit für Hoffnung ist schon lang zu Ende.
Ganz ohne Gnade schneidet Stahl in Menschen ein
Es riecht nach Blut und man hört sie vor Schmerzen schrein-
Ihr Tod bringt uns nur Zeit und keine Wende.

Und hinter ihm in Reihe stehn’ die Knaben-
als letztes Bollwerk zwischen Feind und Frauen-
gefasst dem Kampf und Tod ins Auge schauen,
weil sie durch ihn jetzt Mut gewonnen haben.

Obwohl in Feindesaugen Ängste wohnen,
die harten Zwänge lassen ihm jetzt keine Wahl,
solang’ er lebt darf er niemand verschonen.

Blut und Wunden, diese Schmerzen und die Qual,
nur für den Tod wird sich sein Kämpfen lohnen.
Tod für alle plant der alte Korporal!


12) Sein Tod

Tod für alle plant der alte Korporal,
dass alle sterben kämpft er um sein Leben.
Die Frauen brauchen Zeit den Tod zu geben.
Jetzt ist er schon verwundet viele mal.

Sein letzter Kampf für alle Bürger dieser Stadt,
die meiste Zeit des Lebens hat er hier verbracht,
mit schönen Tagen und so mancher schönen Nacht,
die er bis jetzt vor jedem Feind verteidigt hat.

Die Kraft lässt nach, das Blut fließt aus den Wunden.
Wenn er stirbt wird ein Held erst zur Legende.
Der Atem keucht, der Körper ist zerschunden.

Ein Berg von Leichen füllt das Kampfgelände.
Nach langen Kampf hat ihn der Tod gefunden,
und willig folgen Herzen ihm und Hände.


13) Gift

Und willig folgen Herzen ihm und Hände.
Zarte Finger mischen Gift in Bier und Wein,
Mehl, Brot und Brunnen muss vergiftet sein-
kein Bissen mehr, der Kraft und Leben spende.

Sie trinken selber Wein mit Gift gemischt
So viele Tränen in den Augen von den Müttern,
wenn sie mit süßen Giftbrei ihre Kinder füttern-
sie wollen trösten doch die Stimme bricht.

Die Jungen schützen noch und halten stand-
mit Tapferkeit und Forken gegen Söldnerstahl!
Minuten sind entscheidend für des Schicksals Hand.

Jeder trank sein Gift, so wie er es befahl.
Im Lebensstundenglas die letzten Körner Sand.
Helle Feuer leuchten bald zum Henkersmahl.


14) Siegesfeier

Helle Feuer leuchten bald zum Henkersmahl.
Es ist so reichlich in den Vorratskammern.
Kommt esst und trinkt, ihr braucht nicht Hungers jammern!
Das Brot schmeckt seltsam und das Bier scheint schal?

War es viel Essen oder war etwas verdorben?
Ist es der Branntwein, der euch taumlig macht?
Der ist kein Kerl, der jetzt nicht singt und lacht!
Wer schläft im Rausch und wer ist schon gestorben?

Bald sterben die, die erst gewonnen haben.
Langt zu, trinkt fröhlich diesen Wein zu Ende!
Wer wird die vielen Toten mal begraben?

Im fahlen Schein der halberlosch’nen Brände
liegt Freund und Feind als Futter für die Raben
Das Licht der Flammen fällt auf ruß’ge Wände.


Meistersonett "Der alte Korporal"


Mit schnellen Schlägen formt den Stahl der Schmied,
als Waffe hat die Stadt nur dieses Schwert.
Es ändert nichts, uns allen ist der Tod beschert.
Wie gerne man doch diesen Kampf vermied!

Es wird kein Sieger sein nach dieser Schlacht.
Wo Mut nicht hilft braucht man den Schutz der Mauern.
Wenn uns’re Tore brechen hilft kein Trauern.
Ganz allein geht man den Weg zur letzten Nacht.

Kämpfend fallen oder sterben bleibt zur Wahl,
die Zeit für Hoffnung ist schon lang zu Ende
Tod für alle plant der alte Korporal

und willig folgen Herzen ihm und Hände.
Helle Feuer leuchten bald zum Henkersmahl
Das Licht der Flammen fällt auf ruß’ge Wände.
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