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Haus aus Wut
#1
Haus aus Wut

Was ist nur mit diesen Tagen aus Watte
wenn unser Werk wie im Rausche wir tun?
ohne zu zagen und ohne zu ruhen,
gleich einer Ameise auf ihrem Blatte,

Früher mal trieb es mich wohl in die Fremde.
Wütenden Sinnes lief stets ich voran,
suchend nach dem, was man nie finden kann.
Zeit floss wie Honig mir durch meine Hände.

Wenn es dich dränget zu anderen Orten,
dann traue niemals gefälligen Worten.
Suche ein Land dir, durch das der Wind weht.

Aus deiner Wut bau’ ein Haus ohne Pforten.
Schließ darin ein den Wahn aller Sorten.
Reiße es ein, wenn einst sich der Sinn dreht.
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#2
Hallo Jelbert,

Interessant, dass du nicht jambisch gedichtet hast, sondern im Daktylus, der eher elegisch als wütend daherkommt.
Wenn man die Takte nachzählt, ist dein Sonett nicht ganz regelmäßig gebaut, dennoch empfinde ich es als flüssig lesbar. kleinere Akzentverschiebungen können ja auch belebend wirken.

Insgesammt gefällt dein Sonett aber vielleicht doch ein paar kleine Anmerkungen.

Reim- oder Metrikgeschuldete Flexionen wie "auf ihrem Blatte" oder "dränget" kommen etwas antiquiert daher.
In Z.09 wäre mein Vorschlag: "drängt zu ganz anderen Orten"

In Zeile12 störe ich mich ein wenig an den Pforten. Ich habe jetzt nicht die etymologie nachgeschlagen, aber im allgemeinen Sprachgebrauch sind Pforten eher Zugänge zu Grundstücken, nicht zu geschlossenen Gebäuden. Trotz der Verneinung im Satz, entsteht bei mir durch die Pforten das Bild eines eher luftigen Hauses, wohl auch wegen dem Land, durch das der Wind weht. Dazu eine inhaltliche Frage, beziehungsweise zur Funktion der Metapher:

Warum soll dort Wind wehen, wenn das Haus er geschlossen gedacht werden soll?


Liebe Grüße
un natürlich herzlich willkommen im Forum!

ZaunköniG
Der Anspruch ihn auszudrücken, schärft auch den Eindruck.
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#3
Hallo Zaunkönig,

ich fühle mich ertappt, aber nur im positiven Sinne, denn deine berechtigte Kritik ist das, was ich mir hier erhofft hatte, und wofür ich dankbar bin.

Ich bin im Schreiben von Gedichten im Allgemeinen und Sonetten im Speziellen ein Amateur und Anfänger, wie man leicht sehen kann. Ich bin dazu gekommen, als ich mir vor etwa zwei Jahren das Schreiben mit Feder in Sütterlin-Schrift angeeignet habe. Zu Übungszwecken habe ich zuerst klassische Gedichte aus unterschiedlichen Epochen abgeschrieben. Irgendwann kam ich auf die Idee, selbst welche zu verfassen, und dabei verschiedene Stilrichtungen zu adaptieren. Da ich keinerlei literarische Aus- und Vorbildung habe, waren die Ergebnisse skurril bis bizarr und auf jeden Fall dilletantisch. Und sie sind das alles auch immer noch. Aber ich ziehe daraus Spaß und einen gewissen therapeutischen Nutzen, und das nicht zu knapp.

Irgendwann stieß ich auf Sonettdichtung. Ich war angetan von den wohltuend engen Regeln der Versgliederung und der inhaltlichen Strukturierung. Selbst Sonette zu verfassen sehe ich als Herausforderung, auch wenn das vielleicht nicht die geeignete Herangehensweise sein mag. Nur irgendwie muss man ja anfangen. Da mir das Schreiben eines komplett neuen Sonetts nicht so recht gelingen wollte, habe ich eines meiner "normalen" Gedichtlein etwas aufgespoilert und offiziell für ein Sonett ausgegeben. Das kann man mit Fug und Recht für einen billigen Trick halten. Hier der ursprüngliche Text:

Haus aus Wut

Was ist nur mit diesen Tagen aus Watte,
wenn unser Werk wie im Rausche wir tun,
gleich einer Emse auf ihrem Blatte,
ohne zu sinnen und ohne zu ruhn?

Früher mal trieb es mich wohl in die Fremde.
Wütenden Sinnes lief stets ich voran.
Zeit floss wie Honig mir durch meine Hände,
suchend nach dem, was man nicht finden kann.

Geh’ in ein Land, durch das der Wind weht.
Aus deiner Wut bau' ein Haus irgendwann;
ein' sicher'n Hort, wenn einst sich der Sinn dreht.
Schaff, was die Finsternis nicht greifen kann.     

Was in der letzten Strophe des ursprünglichen Gedichtes noch einen gewissen Sinn ergibt, wirkt in den beiden Terzetten des Sonetts etwas verdreht und vor allem aufgesetzt. Ich bin auch nicht recht zufrieden damit. Da ist auch das Allegorische etwas unter die Räder des Reimzwangs geraten. Aber ich sehe das sportlich und bleibe dran.

Viele Grüße
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#4
Also wenn man "Dilettant" als "Liebhaber einer Kunst" liest und "Amateur" als "jemand, der kein oder kaum Geld damit verdient",
dann bist du in hier in bester Gesellschaft. Das geht des meisten Lyrikern so. Bei aller angesprochenen Kritik, geht dein Versuch aber über normales Anfänger-Niveau hinaus,
was daran liegen mag, dass auch Lesen schon schult. - Und natürlich ist Lyrik Kunst, keine Naturwissenschaft und damit nicht nur die Produktion sondern auch die Kritik immer ein Stückweit subjektiv. Eine Abweichung vom Schema kann also ein Fehler sein oder ein Stilmittel., je nach Intention des Autors oder Vorlieben des Lesers. Erfahrung und geachsene Überzeugungen spielen eine Rolle, aber immer auch die aktuelle Stimmung und der Kontext eines Gedichts.

Wenn ich die Enden der beiden Versionen vergleiche, läuft die Urfassung nicht nur grammatisch runder, sie sagt mir vor allem inhaltlich etwas ganz anderes.
Die Formulierung "Aus deiner Wut" habe ich im Sonett so gelesen, dass die Wut das Baumaterial ist, und der dort eingeschlossene Wahn beim Abriss des Hauses darin begraben wird.

Im Urtext lese ich die Aufforderung meine Wut als Antrieb zu nutzen und in etwas Konstuktives umzuwandeln, das ich auch bei abklingender Wut noch nutzen kann.

Ist der Unterschied wirklich nur reimgeschuldet? Oder ist das Sonett in einer anderen Stimmung entstanden als die Urfassung?
Das kannst du nur selbst beurteilen. Für den Leser muss der Text einfach funktionieren, - und bestenfalls in der passenden Stimmung erreichen.


Liebe Grüße
ZaunköniG
Der Anspruch ihn auszudrücken, schärft auch den Eindruck.
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