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2022 Stadtspaziergang
#1
Stadtspaziergang
Hannover den 4.3.2022

I. Conti

Wenn man von Osten her nach Ahlem kommt,
die Wunstorfer entlang, erscheint geschwärzt
die alte Cont und beinahe schmerzt
der Anblick des Gebäudes: Wie zerbombt
mit leeren Fensterhöhlen und entkernt.
Sol mich noch überraschen, dass erschreckt,
was solche Assoziationen weckt?

Tag 9. Nur ein Raketenstart entfernt
tobt wirklich Krieg. Ob er noch überschwappt?
Wer weiß. Hoffnung und Angst, Spekulation.

Ich kann frei reden, frei die Schritte lenken.
Doch hab' ich mich nicht grad dabei ertappt,
wie ich zusammenzucke? Wahr ist: Schon
schleicht sich der Krieg ins Fühlen und ins Denken.




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Der Anspruch ihn auszudrücken, schärft auch den Eindruck.
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#2
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II.

Die Rosebuschverlassenschaften I.


Ich seh' den Bahndamm. Es ist nicht mehr weit.
Das Wort schon: "Rosebuschverlassenschaften"
übt seinen eignen Reiz aus. An ihm haften
Naturromantik oder Einsamkeit.

Von ersterer erwarte ich nicht viel,
ist der der Rosenbusch nur die Adresse.
Erwartung und Begriff neu zu vermessen,
ist für den Ausflug das erklärte Ziel.

Ich weiß: Der Name führt auf falsche Fährten,
Ich habe mich im Vorfeld schlau gemacht.
Auf dem industriellen Areal

häuft sich Unfertiges aus aufgezehrten
Fabrikarbeiterleben hergebracht,
gestapelt, aufgereiht schier ohne Zahl.



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Der Anspruch ihn auszudrücken, schärft auch den Eindruck.
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#3
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III.

Rosebuschverlassenschaften II.


Das Areal liegt einsam, kühl und stumm
vor mir, doch dieses Schweigen wird beredt,
wenn man zwei Schritte in die Halle geht.
Ich schaue mich zunächst alleine um:

Die Gitterboxen, Gurte, Lastenwaagen...
Ich kenne vieles aus dem eignen Job,
doch anderes ist völlig fremd, als ob
die Gegenwart sich mischt mit früh'ren Tagen.

Und zwischen Industriehilfsmitteln seh'
ich Bilder, Listen, Zeitzeugenberichte...
Dann steh' ich wieder zwischen Tür und Zarge.

Ich danke für den angebot'nen Tee.
Es folgt ein Kunstgespräch über Geschichte
und die politische Großwetterlage.



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Der Anspruch ihn auszudrücken, schärft auch den Eindruck.
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#4
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IV

Gartenbauschule Ahlem


Ich kenne das weitläufige Gelände,
wo man nicht nur Ermordeten gedenkt.
ich habe mir die Finger hier verrenkt
beim Blumenbinden, habe mir die Hände

beschmutzt mit Erde und mit Pflanzensäften.
Wir hatten unsern Traumberuf gefunden,
so kreativ und so naturverbunden
nd für den Abschluss lernten wir nach Kräften.

Wir sah'n auch die Gedenkstätte, und ja:
das war ganz furchtbar, aber auch weit weg.
Geschichte halt, so wie Inquisition
und Kolonialzeit, wie ein echter Fleck
auf nur geerbtem Frack. Wer trägt den schon?
doch plötzlich ist der Krieg wieder ganz nah.





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#5
Stadtspaziergang
2.4.2022


V.

St. Aegidien



Sie steht als Mahnmal für die Bombennächte,
mit Ziegeln ausgebessert der Buntsandstein.
Im ausgebrannten Chor der Kirche spannt ein
Seil Wünsche auf für friedliche, gerechte

Begegnungen: improvisierte Zeilen,
Zitate, Kraniche und Friedenstauben.
Wer Frieden will, muss an den Frieden glauben!
doch kalt ist es. Kein Wetter zum Verweilen.

Der Himmel will sich wieder aschegrau
über Besucher und Passanten senken
und allen heute noch von Krieg bedrohten.

Ein Frühlingsblumengruß steht zum Gedenken
bei einer Bodenschrift: "Unseren Toten",
aus aktuellem Anlass gelb und blau.



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Der Anspruch ihn auszudrücken, schärft auch den Eindruck.
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