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Sonette an das Jahr (12)
#1
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Sonette an das Jahr



Januar


Die Türme schallten laut, die Wehen auszustöhnen
Um die Geburt des Jahrs. Nun schellen sie die Jubelweisen.
Die kleinen frohen Glocken hüpfen durchs Gestühl und kreisen
In goldnem Spiel und Sang, die reine Zeit zu krönen.

Die weiße Erdenwiege trägt in Schall und Dröhnen
Die ihr geschenkte Kraft behutsam durch der Glocken Preisen.
Der Wind selbst duckt den wilden Atem friedsam in die Schneisen,
Von Tal zu Tal nur schwingt die Welt in Freudentönen.

Im weiten Walde kreuzt die Wege keine Spur,
Nur in die Au dort blieb erstarrt ein Schritt gebannt.
Das war vielleicht der Mohrenkönig Balthasar,

Der von der krippe heimzieht durch vereiste Flur.
Doch wenn du seiner schwarzen Stapfen wirst gewahr,
Dann ist er längst daheim im roten Morgenland.


Februar


Und blau und silbern steigt der kurze Tag hinan,
Reifringe hüten nun das eingefrorne Herz der Welt.
Der Strom ist weiß verschneit, Glaspanzerschtz beschirmt das Feld,
Am Himmel zieht ein stummer Vogel seine Bahn.

So leise ists, als wäre alles gut getan,
Als hätte Gott ein Weilchen, da Er alles recht bestellt,
Sich fortgewandt und baute still an einer andern Welt,
Indes die alte liegt im blauen Schlummerbann.

Er weiß wohl, daß Sein Abbild darum nicht verdirbt,
Denn, ob auch alles schlafend liegt im weiten Raum,
Die Menschheit, die Er schuf, sie wahrt den Blumentraum,

Den holden, der im starren Eise nicht erstirbt.
Sie regt sich selbst, die ausgeräumte Welt zu kränzen,
In goldgebauschten purpurtollen Wirbeltänzen.


März

Die Sonne schleift die Strahlenaxte hinterm Hügel,
Noch zögert sie im Schatten, wo die starren Fluren flirren.
Die schwer verhängte Nacht ist lang, die kalten Raben schwirren
Und lautlos bebt die Luft im Schwung der schwarzen Flügel.

Dann aber, eines Tages, gibts nicht Halt noch Zügel,
Die Sonne greift empor, die streng vereiste Welt zu kirren;
Lichtspeere sausen zischend blau, glutgoldne Äxte klirren,
Millionen Lanzen tosen rot um tote Hügel.

Zersprengter Panzer ächzt, befreite Erde stöhnt,
Eisweiße Bande bersten im Dreifeuerlicht,
Aus tausend Spalten strömts und quillts empor und tropft.

Doch was so heiß in brauner mittagshelle klopft,
Das sind der jungen Rieselbächlein Pulse nicht,
Das ist das Herz der erde, das nun wieder tönt.


April

Schon glitt auch Gottes Auge flüchtig wieder her,
Noch nicht zu weilen auf den Flächen, spielend nur zu schauen;
Am Waldrand hing es und es wuchs ein Busch von blauen
Früh-Leberblümchen wie ein Inselchen im Meer.

Gütigen Blickes Segen! Seht, kein Fleck blieb leer!
Das Kleine und Bescheidne wollt als Erstes Er betrauen.
Das springt und sprießt empor, umsäumt die hell begrünten Auen,
Die Wiesenränder stürmt der Buschwindröschen Heer.

Dann naht mit Glockenschall die große Osterzeit.
Noch einmal zieht ein Fest die Menschheit in die Mauern,
Die hohe Kirche ruft sie, die den Herrn beweinen.

Doch da die Gläubigen sich im Gebet vereinen,
Bricht vor den Toren, zart umsprüht von Regenschauern,
Großblütig aus der Bäume weiße Heiligkeit.


Mai

Nun ist Gott heimgekehrt zu seiner alten Erde
Und schließt sie ganz in Seines warmen Atems holdes Wiegen;
Die goldgefleckten Wiesen flammen lichtvoll auf und schmiegen
Sich tief hinein in Seine liebende Gebärde.

Nie war der Wald so weit; groß ward auch ihm sein "Werde!"
Selige Zeit, da Gott und Welt sich in den Armen liegen!
Der Bienen Goldviolen summen schon, die Lerchen fliegen
Süßkehlig auf. Und taumelnd tanzt der Falter Herde.

Die Schwalben schlürfen Licht, weit aufgetan die Flügel,
Schon bringt der Wind den offnen Kehlchen gute Kunde.
Daß keiner darbe in dem reichen Gotteshaus,

Jauchzt eine junge Amsel vom umbuschten Hügel
Selig bis tief in die besternte Abendstunde
Des Flieders blaues Blühlicht für die Blnden aus.


Juni

Und nährend gießt die Sonne sich ins Frühgetreide,
Und kochend zieht das Saft in die erhobnen Halme ein.
Arbeit des Jahrs! Millionen kräfte sind am Werk im Hain,
In weißem Glaste brütet heiß die Mittagsheide.

O Lust der Arbeit! Wolken spinnen Himmelsseide,
Die Erde zu umhüllen; keiner will nun müßig sein.
Musik der Arbeit! Grillen schmieden Lieder ums Gestein
Und Frösche trommeln Tänze um die gelbe Weide.

Das lichte Pfingstfest lockt die Menschheit vor die Tore,
Prunkvoll geschmückt, die offnen Herzen zu erhellen. -
Der unaufhörlich Botschaft gab dem frohen Ohre,

Der schiefergraue Kuckuck, der im Walde wohnt,
Ihn siehst du abends lautlos durch die Äste schnellen;
Der Arbeitsscheue, sieh, der sucht sein Nest im Mond!



Juli

Umarmung ist geschehn und bebendes Vermählen,
Empfängnis ward, längst regten sich im Busch die jungen Bruten,
Das Waldgetier will vor der Sonne mitleidlosem Gluten
Sich tiefer noch in mittagsgrünen Schatten stehlen.

Das Kind mag lieber auch den blauen Waldpfad wählen
Statt des verbrannten Sands für seinen Fuß, den unbeschuhten.
Gib acht! Dort kriecht es züngelnd durch die wirren Brombeerruten.
Die Viper ists. Laß sie den bösen Biß verfehlen!

Horniß und Wespe schwärmt. Rot wucherts aus den Feldern.
Der alte Satansneid um Ernte schwelt verstohlen.
Wo Quellen leergetrunken in versengten Wäldern,

Wo Rausch und Seuche ausgesät zum Gotteshohn,
Da ging er just vorbei. Noch rauchts von seinen Sohlen.
Und zwischen Ähren zuchtlos grellt der Scharlachmohn.



August

Doch unbeschadet wandeln die beladnen Stunden
Den steilen Weg des Jahres, trächtig strotzend, süß beschwert.
Schwarzwetter drohen und von Pech und Schwefel unverheerrt
Entringt sich immer neu das Korn den Hagelwunden.

zum Ziele drängts. Bald sind die Halme fruchtentbunden,
Kostbare Bürde bergen Hüllen treulich unversehrt.
Der Rosen duftumhauchtes Wunder hat sich neu beschert,
Der letzten Schale sich der süße Kern entwunden.

Bis in die letzten Fasern ist der Farn geprägt,
Der, zart erzitternd, hoch im leichten Winde steht;
Am braunen Baumstamm klebt der grüne Specht und sägt.

Am Abend aber löst der Himmel Goldnes los
Und wirft der reichen Welt, die ins Vollenden geht,
Sternschnuppen strahlensprühend in den reifen Schoß.


September

Feier des stolzen Jahrs! Ihr gnadenvollen Tage,
Da die gehetzte Zeit im goldnen Bett des Raumes ruht!
Das allzu gierig Lebende verfiel in Sonnenglut,
Das allzu Schwache sank in Stürmen, ohne Klage.

Der Rausch ist tot. Nun hat die Welt nicht Wunsch noch Frage.
Was zuchtvoll wuchs, verblieb. Und siehe, was verblieb, ist gut!
In sattem Lichte wogt der Hang, der Wald in Purpurflut,
Der Birnbaum trägt, denn lang schon sorgend, daß er trage,

Verströmt er seine Säfte in der Äste Schächte,
Die süß und nährend nun ins Rund der Früchte münden
Und prangend sich verschenken an die milden Farben.

O selige Geburt! Gesegnetes Verkünden!
Der Mond selbst erntet sichelnd goldne Wolkengarben,
Und Gottes Lächeln leuchte bis ins Herz der Nächte.


Oktober

Die Georginen öffnen noch die Blütensterne,
Die Astern auch. Die blaue Traube reist am Abhang dort.
Still wirds im Raum. Die Erdkraft hebt sich nicht vom Boden fort,
Nur Nahes wirkend, speist sie noch des Maisrohrs Kerne.

Kartoffelfeuer raucht im Wind. Wie wärmt sich gerne
Die Hand, die leis schon fröstelnd tastet nach dem warmen Hort!
Die schon vergilbten Blätter fällt ein unsichtbares Wort.
Aus weitem Rahmen großgesichtig tritt die Ferne.

Die Vögel mit der Sonne zogs an frohen Ort.
Im Holz nur hängt am Morgen mit erstarrten Schwingen
Ein gelber Totenkopf, der sich ins Grau verliert.

Trauriges Flügetier des Spätjahrs, ohne Klingen!
Im Dämmerlicht hockt eine Spinne da und giert,
Rücklings gedeckt vom weißen Heuchelkreuz, nach Mord.


November

Dies ist die finstre Zeit, da Kain den Abel schlug;
Aus schwarzem Nebel ballt sich schwarze Tat auf kahlem Grunde,
Die laubentblößte Erde stöhnt aus ihrer dunklen Stunde,
Gepeitscht im Sturm von Gottes fahlem Atemzug.

Wo ist der süße Vogellaut, der Falterflug?
Ein leeres Eiland, bibt die Erde sich im stummen Runde
Des ausgeblaßten Himmels auf. ihr kommt nicht Ruf noch Kunde
Vom weitentflohnen Lichte, das sie selig trug.

Verborgnes Weh wird frei und bricht gewaltsam los
Und gießt sich dunkel aus ins leere Raumgefild.
Verborgne Hoffnung aber hebt sich riesengroß

Und traut dem stillen Sterne, der, ein Gnadenbild,
Einsam der kalten Nacht als weißer Lichtprophet
Schon für des Schnees Millionen Silbersterne steht.


Dezember

Und endlich strömt das gute Labsal mild herab,
Der Schnee. Der lichte, linde Schnee. Wie still die Flocken treiben!
Nun laß dein dunkles Herz sich goldnem Dank verschreiben
Und senk das Abgetane mit dem Jahr ins Grab!

Zum guten End ja fällt ein Fest noch für dich ab!
O holde Zeit! Nun ists im dufterfüllten Haus gut bleiben.
Der golddurchwirkte Himmel glänzt, als hätt er Butzenscheiben,
Der runde Mond steigt friedlich bis zum Wald hinab.

Und alles wird so nah. Dem Kind gehört der Raum,
Ihm wirken Engel. Dies ist seine große Zeit.
Wie fern rückt Rausch und Untat an der weißen Wende!

Fürs Kind empfängt die Tanne ihre Heiligkeit,
Fürs Kind löst leidlos auf das Jahr in blauen Traum
Der gute Gott. Und Glocken dröhnen ihm sein Ende.






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Der Anspruch ihn auszudrücken, schärft auch den Eindruck.
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