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Träume und Taten
#1
Ein Sturm ergriff ihn schon in jungen Jahren,
ein wilder Wind im Wipfel jenes Baumes,
der Schatten bot zum Träumen eines Traumes,
dass alle einmal Gotteskinder waren.

Frei war er und bedurfte keines Zaumes,
am Ort, wo all die süßen, wunderbaren
Erkenntnisäpfel nah zum Greifen waren,
im Garten Eden, jenseits dieses Raumes.

Da hörte er die Stimmen der Dämonen:
Du kannst das Los der Gotteskinder wenden.
Für Gottes Wort zu töten wird sich lohnen!

Das Blut von Kindern klebt an seinen Händen.
Unter den kalten Blicken der Ikonen
singt er sein Klagelied den kahlen Wänden.

Ursprüngliche Fassung:

Träume und Taten

Ein Sturm erfasste ihn in jungen Jahren,
ein wilder Wind im Wipfel jenes Baumes,
der Schatten bot zum Träumen eines Traumes,
dass alle Menschen frei geboren waren.

Frei war er und bedurfte keines Zaumes,
dort, wo die süßen, roten, wunderbaren
Erkenntnisäpfel nah zum Greifen waren,
im Garten Eden, jenseits dieses Raumes.

Den Kopf verborgen in beschmutzten Händen,
mit Schuld befleckt bis in die Fingerspitzen,
singt er sein Klagelied den kahlen Wänden.

Wie konnte sich sein Blut nur so erhitzen?
Wie konnte er sein Ideal so schänden?
Nun wird er ewig in der Hölle schwitzen.
Seht ihr den Mond dort stehen?
Er ist nur halb zu sehen,
Und ist doch rund und schön!
So sind wohl manche Sachen,
Die wir getrost belachen,
Weil unsre Augen sie nicht sehn.
(Matthias Claudius)
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#2
Hallo Halbe Frau,

Welches Ideal meinst Du? Gleichheit und Freiheit sind die Ideale der Aufklärung, genau wie der Drang nach Erkenntnis. Den Wunsch nach Erkenntnis als Todsünde zu beschreiben ist nun eine ziemlich mittelalterliche Bibeldeutung und kommt bei Dir auch recht unvermittelt.

Ich werde den Eindruck nicht los, daß deinem Texte eine wichtige Info fehlt, um ihn richtig zu interpretieren: Worin besteht die Schuld?

LG ZaunköniG
Der Anspruch ihn auszudrücken, schärft auch den Eindruck.
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#3
Hallo Zaunkönig,

seine Schuld besteht darin, dass er zur Gewalt greift, um seine Ideale zu verwirklichen.

Aber du hast recht. Das konnte sich der Leser schwer zusammenreimen.

ich habe jetzt die beiden Terzette komplett umgeschrieben. Aus den "frei geborenen Menschen" in der ersten Strophe habe ich "Gotteskinder" gemacht, so dass seine Schuld aus religiöser Überzeugung erwuchs.

Die Formulierung "jenseits dieses Raumes" gefällt mir noch nicht so.

Lieben Gruß
Halbe Frau
Seht ihr den Mond dort stehen?
Er ist nur halb zu sehen,
Und ist doch rund und schön!
So sind wohl manche Sachen,
Die wir getrost belachen,
Weil unsre Augen sie nicht sehn.
(Matthias Claudius)
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#4
Hallo Halbe Frau,

Die Schuld wird nun deutlicher, die neuen Terzinen sind insofern besser.
Nun vermisse ich noch den Grund, warum er ihr Schicksal wenden wollte.
Eigentlich nicht nötig wenn er auch die anderen als Gotteskinder begreift und zudem noch die Freiheit hochhält. Man muß wohl zunächst selbst begreifen wie solche Gotteskrieger ticken um einen überzeugenden Ausweg anzubieten.
Vielleicht sind 14 Zeilen auch zu kurz, oder man muß an einen konkreten Fall anknüpfen, wo man Zusatzinfos beim Leser voraussetzen kann. Jemand der nicht im Affekt sondern aus Überzeugung tötet wird nicht aus heiterem Himmel wieder zum Pazifisten werden, da braucht es schon so etwas wie ein Schlüsselerlebnis. Diesen besonderen Moment einzufangen ist das eigentlich spannende.
Das Szenario scheint mir so noch sehr abstrakt.

Die Formulierung "jenseits dieses Raumes" wirkt nur angehängt um des Reimes wegen, wenn du bei den "-aumes" Reimen bleiben willst statt "-aum" oder "-äumen" wird Dir aber kaum etwas anderes einfallen.
Vielleicht:
"in Gärten andrer Zeit und andren Raumes" ?
Naja, 100% überzeugt das auch noch nicht.

LG ZaunköniG
Der Anspruch ihn auszudrücken, schärft auch den Eindruck.
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#5
Hallo ZaunköniG,

sie waren einmal Gotteskinder und sind es nicht mehr. Er will ihnen wieder zu ihrem Recht verhelfen.

Es handelt sich um einen fiktiven Fall und es bleibt auch offen, welcher Religion dieser junge Mann einen Bärendienst erwiesen hat.

Den Grund für seine Reue habe ich benannt: "Das Blut von Kindern klebt an seinen Händen."

Ich denke schon, dass der eine oder andere Überzeugungstäter sein Tun später überdenkt und bereut.

"Jenseits dieses Raumes" – damit wollte ich andeuten, das der Mann jetzt in einer Gefängniszelle sitzt. Im ursprünglich 1. Terzett knüpfte ich mit den "weißen Wänden" daran an. Doch habe ich ja die Erklärung dazwischen geschoben, wodurch es an den Schluss gerutscht ist. Sei’s drum.

Vielleicht ist das Thema mit Vorgeschichte, Ereignissen und Reflexion wirklich zu komplex, um es in den vier Strophen eines Sonetts abzuhandeln.

Lieben Gruß
Halbe Frau
Seht ihr den Mond dort stehen?
Er ist nur halb zu sehen,
Und ist doch rund und schön!
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Die wir getrost belachen,
Weil unsre Augen sie nicht sehn.
(Matthias Claudius)
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#6
Zitat:Ich denke schon, dass der eine oder andere Überzeugungstäter sein Tun später überdenkt und bereut.

Das denke ich auch, aber ich denke auch daß es ein Schlüsselerlebnis braucht. Das kann die Tat selbst sein, bzw ihre Folgen, oder etwas für Aussenstehende ganz unscheinbares.

"weisse Wände" klingen mir nicht trist genug um die Assoziation Gefängniszelle hervorzurufen. Vielleicht "kahle Wände"?
Wenn die Szene im Gefängnis spielt stellt sich allerdings die Frage, ob er seine Tat bereut oder nur, daß er es zu dumm angestellt hat und erwischt wurde.

Zitat:Vielleicht ist das Thema mit Vorgeschichte, Ereignissen und Reflexion wirklich zu komplex, um es in den vier Strophen eines Sonetts abzuhandeln.

Wenn der Platz allzu knapp wird kann auch noch ein paar Infos in Titel und ggf Untertitel unterbringen...


LG ZaunköniG
Der Anspruch ihn auszudrücken, schärft auch den Eindruck.
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#7
Lieber ZaunköniG,

ja, "kahle Wände" finde ich auch besser. Die Gefängniszelle hat schon zu viele Verbrecher beherbergt als dass sie noch in unschuldigem Weiß erscheinen könnte.

Schon möglich, dass seine Reue nur geheuchelt ist. Die Ikonen scheinen jedenfalls sein Handeln zu verurteilen. Die "kalten Blicke" könnten aber auch so gedeutet werden, dass die Heiligen ebenso wenig Erbarmen haben wie der Täter, der in ihrem Namen mordete.

Lieben Gruß
Halbe Frau
Seht ihr den Mond dort stehen?
Er ist nur halb zu sehen,
Und ist doch rund und schön!
So sind wohl manche Sachen,
Die wir getrost belachen,
Weil unsre Augen sie nicht sehn.
(Matthias Claudius)
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#8
Hallo Halbe Frau,

da kommen wir schon zum nächsten Problem: Ikonen sind Heiligenbilder der Ostkirche, religiös neutral ist dein Sonett damit nicht mehr.

Zitat:Schon möglich, dass seine Reue nur geheuchelt ist. Die Ikonen scheinen jedenfalls sein Handeln zu verurteilen. Die "kalten Blicke" könnten aber auch so gedeutet werden, dass die Heiligen ebenso wenig Erbarmen haben wie der Täter, der in ihrem Namen mordete.

Oder es ist eine Klosterzelle wo dieser Extremist zur inneren Einkehr findet. Wie soll es denn gedeutet werden?

LG ZaunköniG
Der Anspruch ihn auszudrücken, schärft auch den Eindruck.
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#9
Hallo ZaunköniG,

in den Ikonen symbolisieren die Heiligen bzw. den Glauben an Gott. Es ist natürlich richtig, dass der Blick dadurch wieder in eine Richtung gelenkt wird. Derzeit sind immer nur die Islamisten im Fokus. Doch auch die Anhänger anderer Religionen und Ideologien geraten auf Irrwege, indem sie sich zur Gewalt bekennen.

Ja, ebenso wäre denkbar, dass der Täter in einer Klosterzelle sein Tun bereut. Jedenfalls in einer Zelle, gefangen in seiner Schuld, und nicht mal die Heiligen spenden Trost.

Interessant, dass das Gedicht verschiedene Deutungen zulässt...

Lieben Gruß
Halbe Frau
Seht ihr den Mond dort stehen?
Er ist nur halb zu sehen,
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So sind wohl manche Sachen,
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Weil unsre Augen sie nicht sehn.
(Matthias Claudius)
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