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Glocke und Container
#1
Glocke und Container
(zwei Positionen)


Glocke:

„Ich bin die Braut des Wortes. Meine Rufe
wie unsichtbare Schlangen laufen, beißend
ins Mark sich fest. Ich, Hohlbauch, dröhne kreißend
sie auszuwerfen über jede Stufe.

Ich, Gottes Schallfass, Erz, die Stimme hebend,
verkünde der Gemeinde seine Fülle
und Herrlichkeit und auch geweihte Stille.
Ich sprech für alle, allen Botschaft gebend."

O Klangfigur der tanzenden Spirale,
o Schmerz des Reinsten, seiner Wundenmale –
noch spricht er, der im Küster sich besoff.

Dann klöpfert dürr und schwächer schon der Schwengel,
der Schall verebbt, ist halbwegs noch Gedengel –
ermattet schläft der große Gott im Stoff.



Container:

„Nur Masse, dumm ist, was ich berge, dösend:
Computerteile, Hosen oder Reifen,
ich nur muss klug sein, klug sie zu begreifen:
Intelligenz ist Form, die Dinge lesend.

Doch weh dem, der Symbole sieht! Die Dichter,
Gefäß wie ich verschiedner Wirklichkeiten,
ordnende Meister, die die Stoffe leiten,
sie atmen ein und aus und werden immer schlichter.

Auch mir ist keine Botschaft, die ich trage,
und wärens Glocken, Domprälatgeschenke –
... der Güterbahnhof. Lagern. Schöne Tage

pfeifender Gabelstapler. Und ich denke
der Himmel tauchend tief in meine Ränder
und wieder an die langen Förderbänder.“


Anmerkung

"Weh dem, der Symbole sieht!" ist ein Zitat von Samuel Beckett.
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