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Sonette aus dem Orient ( von 1864 ) Blätter aus dem Buch der Suren (18)
#2
Sonette aus dem Orient ( von 1873 )

Blätter aus dem Buche der Suren

El Fatiha



„In des Allgüt’gen, Allerbarmers Namen!
Gelobt sei Gott, du Herr der Ewigkeiten,
Der herrscht und richten wird am Schluß der Zeiten.
Deß Huld für alles Leben Keim und Samen.

Dein Arm umfängt das All, ein starker Rahmen;
In Demut beten wir dich an und breiten
Um Rettung aus nach Deines Himmels Weiten
Die Hände, die zu bitten nicht erlahmen.

O Lenker, lehr den rechten Weg uns wallen,
Den Weg, auf dem du gnädig dich erwiesen
Und der uns führt zu deinen Paradiesen,

Auf daß wir nicht mit Jenen irrend fallen,
Die tappend noch nicht zur Erkenntniß kamen
Und über die Dein Zorn entbrannt ist. – Amen.“


I.

Nur Gott ist Gott, ist, der das All belebt
Und dessen Winke sich die Sterne fügen.
Er thront allein, im höchsten Selbstgenügen,
Sein Odem ist’s, vor dem die Erd’ erbebt.

Ihn überfällt kein Schlaf, kein Schlummer webt
Ihm Dunkel vor, sein Angesicht zu trügen,
Sein Auge blitzt hindurch in Flammenzügen,
Wenn’s donnernd zwischen Erd’ und Himmel schwebt.

Er wiegt in Händen Auf- und Niedergang,
Den Mittagspol, den Pol der Mitternacht
Und weiß, was ist, was war in frühsten Tagen,

und denkt voraus die Ewigkeit entlang –
Wer, ungerufen, darf der Herrschermacht
Zu nahen sich, dem Strahlenthrone, wagen?


II.

„Es glänzt ein Licht aus hoher Mauerblende,
Verdunkelnd Mond und Stern’ und all die Sonnen,
Kein Wandel ist ihm vorbestimmt, kein Ende,
Zu leuchten hat kein früher Licht begonnen.

Es schützen rings demantcrystall’ne Wände
Vor Stürmen dieses Haus von Lichteswonnen,
Kein zündend Feuer brachten Menschenhände,
Von selbst hat sich des Lichtes Glanz entsponnen.

Nie, daß der Docht verglimmt, das Oel versiegt!
und ostwärts magst du suchend, westwärts wandern,
Du findest nicht den Bronnen, dem’s entquoll.

Gott ist das Licht, das alle Nacht besiegt;
Sein Leuchten reicht von einem Stern zum andern,
Und seines Strahls ist Erd’ und Himmel voll“.

III.

Ein heißer Qualm entsteigt dem Wüstensand
Und zaubert Wandrern, die vor Durst ermatten,
Oasen vor mit Quell und Palmenschatten,
Und Städte, kuppelreich am Meeresstrand.

Doch Stadt und Hain und Born und Blumenrand
Sind eitel Trug und Trug die weichen Matten –
Der Wand’rer sinkt und birgt die täuschungssatten,
Die brechendtrüben Augen in’s Gewand; -

Ein andres Bild – es thürmen sich die Wogen,
Die Wolken ringen mit des Meeres Fluten,
Nachtdunkel hält den grausen Kampf umzogen:

Ungläub’ge rühmen sich des Scheinbarguten;
Doch ihrer Thaten Werth ist Schaum an Schwere,
Ist Spiegelung, ist Nacht auf wildem Meere.“


IV.

„Ungläub’ge Völker können nicht erreichen,
Daß ihrer schone, der mit Strenge richtet;
Er straft, er ist’s, der zürnend sie vernichtet,
Daß spät’re wandern über ihre Leichen.

Und kein Geschlecht wird seinem Los entweichen;
Zur rechten Frist der Tag sich jedem lichtet,
Urzeitlich ist sein Endziel aufgerichtet,
Untrüglich sind des nahen Falles Zeichen.

Wer zählt der Gottgesandten lange Reihe?
Und allen doch bestritt man ihre Weihe
Und spottet ihrer. – Weh’ euch, Gottverächtern!

Es sanken ganze Völker ins Verderben;
Von Gottes Strafgerichten melden Erben
Die Warnungskunde kommenden Geschlechtern.“


V.

„Ihr habt ein großes Feuer angefacht,
Die Welt euch anzusehn im Flammenlichte,
Doch Gott macht eu’re Zuversicht zunichte,
Er haucht den Schimmer fort – was bleibt, ist Nacht.

Wenn jäh der Blitz zerreißt der Wolken Dichte,
wenn’s grollend über euren Häuptern kracht
Und sich des Donners Ruf vertausendfacht,
So seid gemahnt an kommende Gerichte.

Was zagt der kühne Fuß, der sonst so schnelle,
wenn Dunkel euch umfängt nach Blitzeshelle.
Der Augen weisend Licht, es steht bei Gott.

Und bohrt ihr eure Daumen in die Ohren,
Verstummt deßhalb der Donner, eitle Thoren?
Er folgt des Herrn allmächtgem Kraftgebot.


VI.

„Ich suche Schutz beim Herrn der Dämmerungen
Vor allem Übel, das mich mag bedräuen:
Wenn Argwohn wider mich die Lästrer streuen,
Vom lügenhaften Flüstergeist gedungen;

Wenn Neid in eines Menschen Herz gedrungen,
Sich heimlich meines Ungemachs zu freuen;
Wenn säumig ist der Mond, sich zu erneuen,
Weil überlange Nacht ihn hält bezwungen.

Er ist mein Hort, wenn Weiber, mir zu schaden
Den Zauberknoten schürzen, Flüche sinnen
Und sich verbinden mit gefallnen Dschinnen.

Des Ihm Ergebenen gedenkt in Gnaden
Der Herr und Gott, der Niemand Vater nennt,
Dem Niemand gleich, der keinen Sohn erkennt.“


VII.

Bei allen Rossen, die die Bahn durchrennen,
Mit ihrem Huf dem Staube Schwingen wecken,
Mit muthgem Wiehern, weißem Zähneblecken
Den Tag begrüßen und vor Kampflust brennen;

Bei allen, die der Feinde reihen trennen,
Verwundet stürmen durch die Lanzenhecken,
Aus Steinen Funken schlagen, daß voll Schrecken
Des Nachts wir weithin ihren Pfad erkennen:

Der Mensch ist undankbar; sein Tun und Sinnen
Läßt Gott und Gottes heil’ge Satzung fahren,
Beflissen, flücht’ge Schätze zu gewinnen.

Doch wißt, ein naher Tag wird offenbaren,
Was je bewegt des Menschen Herz tiefinnen;
Und Lohn wird werden jeglichem Gebahren.


VIII.

O Moslemwandrer, laß dein Dromedar
Am Bronnen Semsem nicht vorübertraben.
Wohl kann er deinen Gaumen nicht mehr laben,
Ihn trank nur Abraham noch süß und klar.

Von Gott verstoß’ne böse Dschinnen haben
Den Born getrübt, verderbt für immerdar,
Und wo ringsum ein Frühlingseiland war,
Hat Flugsand jeglich Grün schon längst begraben.

Doch koste von des Wassers Bitterkeit;
Es macht das Herz des Meccapilgers weit
In Sehnsucht nach den ewiggrünen Auen;

Du träumst des Sidra-Baumes Frucht zu schauen
Und sie, wo ewiglaut’re Bäche fließen,
In heil’ger Schatten Fülle zu genießen.


IX.

“Euch thut sich siebenpfortig auf das Eden;
In Gärten, d’rinnen gold’ne Früchte hängen
Und Blüthen sich durch dunkle Blätter drängen,
Ein Haus der Stäte prangt für euer Jeden.

Ihr rastet fürder von des Lebens Fehden
An süßer Wasser kühlungsreichen Gängen.
Nie wird euch Traurigkeit das Herz beengen,
Verwunden nie der Stachel loser Reden.

Ihr geht in sedenwallenden Gewanden,
Nach Wonnen, die nur wechseln, die nicht schwanden,
In lichte Träume sinkt ihr, schlafbesiegt.

Die Glieder streckt ihr hin auf weiche Matten
Und wacher Augen Brauen geben Schatten,
Wenn euer Haupt im Schooß der Huri liegt.“


Der Rhamazan

„Sobald es graut, sobald ihr unterscheidet
Den schwarzen Faden deutlich von dem weißen,
Ist ernstes Tagesfasten euch geheißen
Und daß ihr eu’re rüßen Weiber meidet.

Euch seien speis und Labetranki verleidet,
und weichen Armen sollt ihr euch entreißen,
Der Andacht euch im Heiligthum befleißen,
Bis an der Sterne früh’stem ihr euch weidet.

Dann netzt des Gaumens dürres Cactusblatt
Und eßt, und heischt vom Weibe sonder Bangen,
Was Gott erlaubt an bessren Trostes Statt.

So sei’s gehalten, weim im Rhamazan
Auf seiner Gläub’gen Bitten und Verlangen
Allah das Buch des Heiles kundgethan.


.
Der Anspruch ihn auszudrücken, schärft auch den Eindruck.
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Sonette aus dem Orient ( von 1873 ) Blätter aus dem Buch der Suren (11) - von ZaunköniG - 24.09.2023, 07:31

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