Themabewertung:
  • 0 Bewertung(en) - 0 im Durchschnitt
  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
Eichendorff, Joseph: Der Dichter (4)
#1
Joseph Eichendorff           
1788 – 1857



Der Dichter


So eitel künstlich haben sie verwoben
Die Kunst, die selber sie nicht gläubig achten,
Daß sie die Sünd’ in diese Unschuld brachten:
Wer unterscheidet, was noch stammt von oben?
 
Und wer mag würdig jene Reinen loben,
Die in der Zeit hochmüt’gem Trieb und Trachten
Die heil’ge Flamme treu in sich bewachten,
Aus ihr die alte Schönheit neu erhoben!
 
O Herr! gib Demut denen, die da irren,
Daß, wenn ihr’ Künste all zu Schanden werden,
Sie töricht nicht den Gott in sich verfluchen!
 
Begeisterung, was falsch ist, zu entwirren,
Und Freudigkeit, wo’s öde wird auf Erden,
Verleihe denen, die dich redlich suchen!
 
 
 
Ein Wunderland ist oben aufgeschlagen,
Wo goldne Ströme gehn und dunkel schallen,
Gesänge durch das Rauschen tief verhallen,
Die möchten gern ein hohes Wort dir sagen.
 
Viel goldne Brücken sind dort kühn geschlagen,
Darüber alte Brüder sinnend wallen –
Wenn Töne wie im Frühlingsregen fallen,
Befreite Sehnsucht will dorthin ich tragen.
 
Wie bald läg’ unten alles Bange, Trübe,
Du strebtest lauschend, blicktest nicht mehr nieder,
Und höher winkte stets der Brüder Liebe.
 
Wen einmal so berührt die heil’gen Lieder,
Sein Leben taucht in die Musik der Sterne,
Ein ewig Ziehn in wunderbare Ferne!
 
 
 
Wer einmal tief und durstig hat getrunken,
Den zieht zu sich hinab die Wunderquelle,
Daß er melodisch mitzieht selbst als Welle,
Auf der die Welt sich bricht in tausend Funken.
 
Es wächst sehnsüchtig, stürzt und leuchtet trunken
Jauchzend im Innersten die heil’ge Quelle,
Bald Bahn sich brechend durch die Kluft zur Helle,
Bald kühle rauschend dann in Nacht versunken.
 
So laß es ungeduldig brausen, drängen!
Hoch schwebt der Dichter drauf in goldnem Nachen,
Sich selber heilig opfernd in Gesängen.
 
Die alten Felsen spalten sich mit Krachen,
Von drüben grüßen schon verwandte Lieder,
Zum ew’gen Meere führt er alle wieder.
 
 
 
Nicht Träume sind’s und leere Wahngesichte,
Was von dem Volk den Dichter unterscheidet.
Was er inbrünstig bildet, liebt und leidet,
Es ist des Lebens wahrhafte Geschichte.
 
Er fragt nicht viel, wie ihn die Menge richte,
Der eignen Ehr’ nur in der Brust vereidet;
Denn wo begeistert er die Blicke weidet,
Grüßt ihn der Weltkreis mit verwandtem Lichte.
 
Die schöne Mutter, die ihn hat geboren,
Den Himmel liebt er, der ihn auserkoren,
Läßt beide Haupt und Brust sich heiter schmücken.
 
Die Menge selbst, die herbraust, ihn zu fragen
Nach seinem Recht, muß den Beglückten tragen,
Als Element ihm bietend ihren Rücken.
 
 
 
 
 .
Der Anspruch ihn auszudrücken, schärft auch den Eindruck.
Zitieren


Nachrichten in diesem Thema
Eichendorff, Joseph: Der Dichter (4) - von ZaunköniG - 07.09.2021, 16:29

Gehe zu:


Benutzer, die gerade dieses Thema anschauen: 1 Gast/Gäste
Forenfarbe auswählen: