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Kriegssonette
#6
Abschied und Abmarsch

I.


Dort küßt der Jüngling seine liebe Braut,
Und freudiger Stolz erglänzt in seinen Thränen –
Entsagen muß sie all’ den süßen Plänen,
Auf welche Liebe sich ihr Glück erbaut.

Kein Seufzer wird auf ihren Lippen laut;
Doch vorempfindend schmerzensreiches Sehnen,
Sucht sie den Kopf an seine Brust zu lehnen –
Sie will nicht, daß er ihren Kummer schaut.

Dann richtet muthig sie sich wieder auf,
Und Stolz und Freude strahlt in ihren Blicken:
„Ich wär’ nicht würdig Deiner, könnt’ ich klagen.

Es ruft das Vaterland – ich will nicht zagen.
Leb wohl! leb wohl! bis nach dem Siegeslauf
Ich mit dem Lorbeer darf das Haupt Dir schmücken!“


II.

Dort segnet eine Mutter ihren Sohn,
Das Theuerste von ihrer ganzen Habe.
Der Vater schläft schon längst im stillen Grabe,
Der Sohn ernährt sie jetzt mit kargem Lohn.

Jedoch es bringt begeistert die Nation
Dem Vaterlande ihre Opfergabe;
So giebt auch sie ihr Kind, das ihr zum Stabe
Des Alters ward, und spricht mit freudigem Ton:

„Geh hin, mein Sohn, erfülle Deine Pflicht!
Du hast zu sorgen nicht allein für mich –
Deutschland ist Deine Mutter, so wie ich.

Und bleibe gut und übe Menschlichkeit
Im Feindesland’ und selbst im blutigen Streit!
Daß Alle – Menschen sind, vergiß es nicht!“


III.


Dort halten Mann und Weib sich fest umschlungen –
Die Kinder weinen, wie die Mutter – bleich,
Und selbst des kühnen Kriegers Herz wird weich
Und fühlt von tiefem Schmerze sich durchdrungen.

Und lange hat er mit sich selbst gerungen;
Dann spricht er mild: „Ich war durch Euch so reich!
Das Glück – zerstört! Und ach, wer sorgt für Euch,
Wird statt der Axt das Schwert von mir geschwungen?“

Doch sie will ihm den Abschied nicht erschweren –
Sie trocknet lächelnd ihre heißen Zähren:
„Ich bin noch jung und werde fleißig sein.

Und weiß ich mir zu helfen nicht allein –
Das Vaterland, für das Ihr kämpft in Massen,
Das Vaterland – es wird uns nicht verlassen!“


IV.

Ja, ziehet ohne Sorge, tapfre Krieger,
Von Haus und Hof! – Ihr schirmt das Vaterland,
Des Volkes Heil – es liegt in Eurer Hand,
Ihr seid die Retter, seid der Zukunft Pflüger.

Indeß Ihr niederschlagt den gierigen Tiger,
Sei alle Sorgfalt von uns zugewandt
Den Euren, daß die Noth sie nicht gekannt,
Wenn wieder heim Ihr kehrt zu uns als Sieger. - -

Sie treten an – der letzte Händedruck –
Dann tönt zum Abmarsch  das Kommandowort,
Und bald sind sie dem schärfsten Aug’ entschwunden.

Es schlägt der Krieg auch viel unblutige Wunden.
Auf! sie zu heilen trachtet fort und fort!
Der Krieger Dank sei unser Siegesschmuck!


.
Der Anspruch ihn auszudrücken, schärft auch den Eindruck.
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Nachrichten in diesem Thema
Kriegssonette - von ZaunköniG - 20.12.2023, 03:34
RE: Kriegssonette - Abschied und Abmarsch (4) - von ZaunköniG - 23.12.2023, 12:06
RE: Kriegssonette - Wauwau - von ZaunköniG - 26.12.2023, 03:37
Kriegssonette - Victoria! - von ZaunköniG - 08.01.2024, 11:26
RE: Kriegssonette - Luise - von ZaunköniG - 08.01.2024, 11:26
RE: Kriegssonette - Eklaireurs - von ZaunköniG - 14.01.2024, 06:01
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