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Normale Version: Sonette - in 12 Runden zu 14 Gedichten - 12 Ultima Thule
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Ultima Thule

Rose und Lorbeer


Die Rose spricht: Ich bin die liebe Blume,
Ich bin die Lust, der Schmerz, das Licht, das Leben,
Nach mir mußt, Dichter, Blick und Hand du heben,
Willst eingehn du zu wahrem Menschentume!

Der Lorbeer spricht: Ich führ’ empor zum Ruhme,
Ich kann allein das große Schicksal weben,
Nach mir, der Menschheit Höchstem, mußt du streben,
Ich leit’ zu fernster Nachwelt Heiligtume!

Der Dichter spricht: Das neidlichste der Lose
Erwähl’ ich denn, die Krone alles Lebens!
Und nach dem Lorbeer greift er kühnen Strebens.

Das Schicksal spricht: Und dein ist auch die Rose!
Nur rosen-duftberauscht und –dornzerstochen,
Nicht anders wird des Dichters Reis gebrochen.
Die beste Andacht

Bevor dein Haupt am Abend sinkt ins Kissen,
Versäume an dich selber nie die Frage:
Was tat ich Gutes am verfloss’nen Tage?
Was hat mir vorzuhalten mein Gewissen?

War ich in reiner Fahrt beflissen?
Führt meinethalben niemand bitt’re Klage?
Verschönerte ich mein’ und femde Lage?
Ward reicher ich an Bildung und an Wissen?

Wenn jeder also täte stets und dächte,
Und täglich, nie der Einkehr überdrüssig,
Vor seinen eignen Richterstuhl sich brächte:

Dann wären Beicht’ und Kanzelpredigt müßig,
Und vor der Andacht, die allein die rechte,
Sänk’ Pfaff’ und Kirche hin als überflüssig.