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Normale Version: Amor und Dichter (Sonettenkranz)
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Amor und Dichter
Sonettenkranz


I.

Ich träumte kühn von Schlachtenruhm zu singen,
In hohem Wort dern Heldentod zu preisen.
Homer's und Osian's beschwingte Weisen
Sann meine Harfe würdig zu erringen.

Nicht wie des Vogels Drang die zarten Schwingen
Erst prüfend übt in enggezognen Kreisen;
Zur Sonnenbahn wollt' ich in Sternengleisen,
In vollem Ungestümm' des Aares dringen.

Zur Göttin rief ich mit dem Schlachtenhorne:
Kalliope, nenn' mir der Helden Leben!
O sei mir hold am ehr'nen Musenborne!

Die Harfe bebt! Verklärt auf Pindus Höhen
Seh' ich das Laub, das heil'ge, mich umwehen.
Da lachet Amor Hohn dem hohen Streben.


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II.

Da lachet Amor Hohn dem hohen Streben;
Mit holdem Laut beginnt er mich zu locken.
Bald will der Schlag der jungen Pulse stocken,
Bald will mein Herz vor süßer Lust erbeben.

Und wie ich mit mir selber kämpfe, schweben
Seh' ich Kalliopen, bekränzt die Locken.
Da horcht' ich ihrer Mahnung, unerschrocken
Zu weihen ihr das zugeschworne Leben.

"Nur Schlachtensang kann Preis und Ehre bringen,
"Ein Thor, wer sich der Liebe nicht enthoben,
"Ihn trifft mit Recht der Feinde bitt'rer Spott."

So rief ich laut. "Wohlan, so gib denn Proben
Von deinem Muth," versetzt erzürnt der Gott,
Der Köcher rauschet auf den goldnen Schwingen.


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III.

Der Köcher rauschet auf den goldnen Schwingen,
Die Sehne klingt, der Pfeil entschwirrt dem Bogen;
Der schärfste, den erbost der Gott gezogen,
Weiß schnell in meinen Busen einzudringen,

In's tiefste Herz, wo Weh und Wonne ringen
In kühnempörten, wunderbaren Wogen.
Er kam mir doppelt in das Herz geflogen,
Des Lebens wechselnd Doppellos zu bringen.

Getroffen, weh' mir Armen! sank ich nieder:
"Ich will, ich will ja lieben, Amor! schone!
"Will opfern dir, du Fürst auf goldnem Throne!"

Da fächelt kühlung mir sein sanft Gefieder,
Weht Himmelslüfte, welch ein Wonnebeben!
In mir erwachte schnell ein ander Leben.


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IV.

In mir erwachte schnell ein ander Leben.
Begeistert griff ich in die vollen Saiten.
Ob der Gefühle innerm, hehrem Streiten
Mußt' ich dem mächt'gen Gotte mich ergeben.

Er zeigt, wie sich des Liedes Wellen heben
Und senken, wie Gefühle, die sich meiden,
Vereinzelt wogen, und die Lippen kleiden
In Klänge, was sie nimmer sonst erstreben,

Und langt vom Köcher sich der Töne Gleise,
Die Form, ihm angenehm vor vielen tausend.
So reizgestaltet ist nur sie zu singen.

Da schwillt mir hoch der Busen überbrausend,
Die Harfe schweigt von Mavors Heldenpreise.
Von Liebe nur die Laute will erklingen.


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V.

Von Liebe nur die Laute will erklingen.
Hinweg, du rohes Schwert, das mordgetrieben
Das kurze Leben hasset, statt zu lieben,
Von Amors sanftem Scherz nie weiß zu singen.

Laßt sieben Städte um Homeros ringen,
Und seine Wiege hin und herumschieben:
O quälten sich um mich der Mädchen sieben,
Mir wollt' ich nimmer höhern Ruhm erschwingen.

Da öffnet Amor mir die Wunderlaute,
Und spricht: du singst nur meine Siegstrophäen,
Wohlan, sollst Emma's Zauberbild hier sehen!

Nun kenn' ich meiner Laute inn'res Leben,
Und jeder Saitenklang, der herzigtraute,
Will Emma nur, nur Emma wiedergeben.


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VI.

Will Emma nur, nur Emma wiedergeben
Des Herzens Frieden, den sie mir genommen?
Wird sie die Gluten nähren, tief entglommen,
Wie? oder selbe wieder mir entheben?

Am Liebesquell blüht hold das kurze Leben.
Von lauen, linden Düften süß umschwommen,
Ist Liebe nur der Menschheit Nutz und Frommen;
Der Liebe Grundton muß das Herz durchbeben.

Und wenn die treuen Seelen sich umringen,
Die Augen wonneglänzend sich begrüßen,
Die Lippen, sanft geröthet, leise küssen,

Dann schwillt die Brust zu kühnen Heldenthaten,
Gefahr wird der Gefahren bloßer Schatten:
Was alles Liebe will, kann sie bezwingen.



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VII.

Was Liebe will, kann sie bezwingen:
Sanft lispelt sie im Blüthenlaub der Linden,
Dringt segnend durch zu Pluto's Höllenschlünden,
Trägt himmelwärts glutathmend ihre Schwingen.

Poseidon's scharfgezagten Felsengründen
Weiß sie den Raub des Todes zu entringen.
Man sieht sie heitern Blickes vorwärts dringen
Im Kampf mit Drachen, Wolken, Wellen, Winden.

Was alles Liebe will, kann sie beleben.
Ihr schwillet purpurroth die Last der Trauben.
Ihr girren Täubchen, die sich Küsse rauben.

O schönes Loos, wo innen Liebe leitet,
Wo aussen rascher Sinn zu Thaten schreitet,
Wo Geist und Hülle traut in Einklang schweben.


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VIII.

Wo Geist und Hülle traut in Einklang schweben,
Zeigt sich die höchste Kraft und Kunst im Leben,
Der Geist hält ohne Körper leere Wache,
Der Körper ohne Geist bleibt tote Sache.

Drum müssen beide liebend sich verweben,
Daß ihres Freundschaftsbundes Wechselsprache
Des Daseins reinste Götterlust anfache,
Aus Einem Himmel tausend sich erheben.

Und diese Lust, dieß wonnevolle Walten,
Dieß holde Leben, diese süßen Triebe
Vereinigt nur der Himmelsfunken Liebe!

Ihr bietet Alles seine Perlenkronen,
Weil ihre Zauber Alles schön gestalten.
So hat auch mich ein selig Netz umsponnen.



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IX.

So hat auch mich ein selig Netz umsponnen!
Der Kuß, den Liebe haucht aus Bach und Weide,
Malz rosiger das Wangenroth der Freude.
Sie labet uns mit süßem Zauberbronnen.

Die Seele schwelget in entzücktem Leide,
Verwundet von der Augen zweien Sonnen.
Zwei Leben ganz in Einem Leben wohnen,
Zwei Sprachen werden Eine für sie Beide.

Die Liebe lehrt die Kunst mit Lust zu sterben.
Ein Tod, wo Heil und Ehre zu erwerben,
Ist Sterben nicht, nur Leben, neues Tagen.

Was spielt nun Amos Hauch in meine Saiten?
Mit ihm will ich des Lebens Töne leiten,
Will ewig nur nach reinem Frohsinn jagen.


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X.


Will ewig nur nach reinem Frohsinn jagen,
Von Lust und Frohsinn will ich ewig singen.
Den trüben Sorgen will ich frei entsagen,
Was kann den Geist zu Sklavenketten zwingen?

Für Lieb' und Rechtthun will ich Alles wagen.
So lange ihre Saiten nicht zerspringen,
Soll Lieb' und Rechtthun meine Laute klingen,
Bis sie mich zu den Lichtgestirnen tragen.

O Liebe, du smaragdner Thron der Seelen,
Umstralt von ewig goldnen Sternenkronen,
Magnet, dem alle Herzen sich vermählen!

Nur dich will ich zur Lebenswonne wählen,
Denn nur bei dir ist gut und selig wohnen.
Die Lieb' ist alles Schönen Grund und Lohnen.


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XI.


Die Lieb' ist alles Schönen Grund und Lohnen:
Sie regt sich stets auf immer neuer Spur.
Sie kündet jedes Wesen der Natur,
Von ihr gesäugt mit Thau, erwärmt mit Sonnen.

Wann hat ihr unermeßnes Reich begonnen?
Was je der Blick erspähet auf der Flur,
Im blauen Aether und in Seeazur,
Siehst Liebe du als ewig Urbild thronen.

So stralet sie als Sonne für die Herzen,
Daß Alle, die ihr selig Loos erkoren,
Nicht unterliegen bei des Schicksals Schmerzen.

O Liebe schütze mich, weil dir vertrauend,
Dein Reich, dein großes, überall erschauend,
Dem heil'gen Bund' ich habe zugeschworen.



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XII.

Dem heil'gen Bund' ich habe zugeschworen,
Wenn seine Schwüre nur nicht Amor bricht,
Statt Rosen Dornen in den Brautkranz flicht,
Deß Blüthe schon am Morgenhauch erfroren.

Doch ward je Liebe ohne Schmerz geboren?
Von Liebesqualen Liebesfrühling spricht.
Kampf ward der Liebe durch mißgünst'ge Horen
Vom Morgenrothe bis zum Dämmerlicht.

Was also soll ich über Leiden klagen?
Wer Rosen bricht in ihrer holden Pracht,
Darf achten nicht der Dornen leichte Wunden.

Mir hat ein sanfter Blick das Herz gebunden,
Ein Blick, der süß die tiefste Wunde macht,
Bis einst die letzte Stunde mir geschlagen.


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XIII.


Bis einst die letzte Stunde mir geschlagen,
Bis sich dem Sternenlicht mein Auge schließt,
Im Grab die heiße Brust erkaltet ist
Vom Liebesschmerz, so still und herb getragen,

Werd' ich dem Saitenspiele nie entsagen,
Das einsam mir so manches Leid versüßt,
Das Balsam in die wunde Seele gießt,
Verbindend Lust und Leid in holden Klagen.

Drum selig, wem die hohe Gunst beschieden,
Zu blüh'n im Schutze hoher Pieriden!
Kein Erdenschmerz wird ihm zu groß geboren.

So halte fest, mein Herz, am Saitenspiele,
An Liebestreu, an edlem Selbstgefühle,
Geh' auch darüber Gut und Blut verloren.


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XIV.

Geh' auch darüber Gut und Blut verloren,
Das schönste Ziel, ich muß es noch erreichen
In ihren Armen, in den sanften, weichen,
Vom Lenz der treuen Liebe neu geboren.

Genußlos, flüchtig flohen mich die Horen.
Kein Freudenlüftchen wollte mich bestreichen,
Kein Trost vom Azurhimmel niederfleuchen,
Als hätte Alles sich gen mich verschworen.

urplötzlich glänzt ein Sternbild aus dem Dunkeln.
Ihr Auge war's, süß lächelnd sah ich's funkeln;
Die alte Nacht entfloh auf schwarzen Schwingen.

Mich haben Liebessonnen nun verklärt,
Obwohl, einst von des Ruhmes Wahn bethört,
Ich träumte kühn von Schlachtenrum zu singen.


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Schlußsonett
(Magistrale)


Ich träumte kühn von Schlachtenruhm zu singen,
Da lachet Amor Hohn dem hohen Streben.
Der köcher rauschet auf den goldnen Schwingen.
In mir erwachte schnell ein ander Leben.

Von Liebe nur die Laute will erklingen,
Will Emma nur, nur Emma wiedergeben.
Was Alles Liebe will, kann sie bezwingen,
Wo Geist und Hülle traut in Einklang schweben.

So hat auch mich ein selig Netz umsponnen,
Will ewig nur nach reinem Frohsinn jagen.
Die Lieb' ist alles Schönen Grund und Lohnen.

Dem heil'gen Bund' ich habe zugeschworen,
Bis einst die letzte Stnde mir geschlagen,
Geh' auch darüber Gut und Blut verloren.


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